Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 H. A., diesbezüglich auf einen sehr interessanten Vortrag des Dr. Guttmann in Breslau: „Über Dogmenbildung im Judentum" Hinweisen. Guttmann bemerkt daselbst sehr treffend, daß dieses Thema von den Dogmen im „More Nebuchim" gar nicht behandelt wird, daß nur in seinem Mischna-Komentare zum X. Abschnitte des Traktates Sanhedrin davon die Rede ist und die dottige Mischna ihn dazu veranlaßte, die Glaubenslehre des Judentums zur Darstellung zu bringen. Vielleicht wollte Maimonides auch, wie Guttmann hervorhebt, den Glaubensbestand des Judentums deswegen feststellen, damit man nicht etwa zur Anschauung neige, er wolle den Glauben durch philosophische Spekulationen aufheben. Wie Mendelssohn über Glaubensdogmen denkt, haben wir bereits oben erwähnt. Sehr treffend bemerkt der berühmte Naturforscher und Staatsrat Schleiden Ln seiner Schrift : „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter" (Leipzig 1879): Keine Zänkereien um Dogmen konnten daher bei ihnen Eingang finden und sie von fruchtbarem Forschen abhalten, denn ihr reiner Monotheismus kommt mit keinem Produkt des vernünftigen Denkens in Widerspruch."! Mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit hängt auch zusammen die Hochschätzung der Wissenschaft. Wir sehen dies nicht nur bei Maimonides, aus dessen Werken Albertus Magnus u. Thomas von Aquino viele ihrer Ideen schöpfen, nicht nur bei Mendelssohn, von dem der berühmte Geschichtschreiber der Philosophie Ed. Zeller bemerkt: „M. war auch eine Persönlichkeit, welche die schönsten und besten Züge der Zeitbildung in seltener Reinheit an sich trug," sondern fast zu allen Zeiten. Zeugnis davon gibt der Talmud, der wenn auch noch so verkannt und angefeindet, ein monumentales Werk bleiben wird für alle Zeiten, Zeugnis davon geben die mittelalterlichen jüdischen Philosophen und Dichter. Die Juden waren nicht bloß durch Übersetzungen arabischer Werke die Vermittler des Altertums für das mittelalterliche Europa, sie wirkten auch schöpferisch. So bemerkt der erwähnte Naturforscher Schleiden: „Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine, Zeit der Rohheit, des geistigen und sittlichen Verfalls, wie es trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert." Nur zwei Punkte wollen wir hervorheben. Was man im Mittelalter von Botanik wußte, das verdankt man der Übersetzung und Bearbeitung des Dioskorides, das durch den berühmten Leibarzt und Staatsmann Casdai ibn Schaprut aus dem Lateinischen ins Arabische übertragen wurde. Wie sehr zur Zeit Mendelssohns der Sinn für die Wissenschaft unter den Juden erwachte, zeigt auch das Werk „Sefer haberis" von Pinchas Elia ben Meir aus Wilna. (Brünn 1797). Es ist dies zwar kein eigenes selbständiges Werk, vielmehr eine Art von Enzyklopädie und behandelt Naturwissenschaft, Anatonrie, Logik, Psychologie, Geographie u. a. Höchst interessant ist es aber, wie der Verfasser auf die Ideen des damals lebenden berühmten Philosophen Kant eingeht und seine eigenen Gedanken auseinandersetzt.