Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit hängt aber noch ein anderer Vorzug unserer Religion zusammen, der ebenfalls für ihre Zukunft bürgt. Es ist dies der geringe Wert, der auf Wundererzählungen gelegt wird. Während andere Religionen so . sehr auf Wundererzählungen aufgebaut sind, daß sie Zusammenstürzen, wenn man sie antastet, so bleibt das Judentum dennoch auf seiner felsenfesten Grundlage , wenn man auch die sogenannten Wunder oder Wundererzählungen nicht im wörtlichen Sinne auffaßt. Wir sehen daher bei Maimonides eine sehr freie Auffassung der Wundererzählungen. Ihm gelten, um nur einiges anzuführen, das Sprechen der Eselin Bileams und der Ringkampf Jakobs mit einem Engel nicht als objektive Tatsachen sondern als Visionen. Maimonides geht von dem talmudischen Spruche aus: Die Welt geht ihren natürlichen Gang, und was uns als Wunder erscheint, ist bereits bei der Weltschöpfung prädestiniert gewesen. Er beruft sich hiebei auf talmudische Aussprüche. So beispielsweise, daß Gott mit dem Meere ein Bund geschloffen habe, daß es sich spalte. Daß Maimonides ein Feind der sogenannten Wnnder ist, zeigt auch seine Auffassung des Prophetismus. Der Prophet, so führt er nämlich im zweiten Teile seines „More Nebuchim" aus, sei kein Wahrsager, und es könne niemand plötzlich ein Prophet werden; er müsse vielmehr eine besondere sittliche und geistige Vollkommenheit und eine außerordentliche Phantasie besitzen, sonst aber sei es ebenso wenig möglich, daß jemand über Nacht ein Prophet werde, wie ein Frosch ein Prophet werden könnte. In ähnlicher Weise denkt auch Mendelssohn über Wundererzählungen. „Gottes Regierung und Vorsehung in den atterkleinsten Begebenheiten nicht verkennen, sie gerade deswegen nicht verkennen, weil diese Dinge nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur erfolgen, Gott also^mehr in Naturbegebenheiten als in Wunderdingen verehren, dieses, dünkt mich, ist die höchste Veredelung menschlicher Begriffe, die erhabenste Weise, über Gott und seine Regierung und Vorsehung zu denken." (a. a. O. S. 417». Ebenso bemerkt er an einer anderen Stelle eines anderen Werkes: „Alle Zeugnisse vertieren ihre Kraft, sobald sie einer logischen Wahrheit widersprechen. Die größten Wunder reichen nicht hin einem solchen Satze den mindesten Grad von Wahrscheinlichkeit zu geben." Wunder sind auch, so führt er an einer anderen Stelle aus, kein untrügliches Merkmal der Wahrhaftigkeit, werden ja auch in der Thora Wunderwerke für keinen untrüglichen Beweis von der göttlichen Sendung eines Propheten gehalten. Sehr interessant ist auch der Brief den Moses Mendelssohn an den Erbprinzen von Braunschweig Wolfenbüttel richtete. Ich empfehle Ihnen, H. A., diesen Brief selbst zu lesen und will nur einige Stellen daraus hervorheben „Wenn ich diese Lehren') int alten Testament fände, so würde ich auch das A. T. verwerfen müssen, und wenn ein Wundertäter, sie zu bewähren, vor meinen Augen alle Toten erweckte die seit Jahrhunderten begraben worden, so würde ich sagen: Der Wundertäter hat Tote erweckt, aber seine Lehre kann ich nicht annehmen. Hingegen finde ich im A. T. nichts, das diesen Lehren ähnlich sieht, nichts, das meiner Überzeugung nach mit meiner Vernunft streitet.^ ' * 1) Von den christlichen Glaubensdogmen «'Trinität u. s. f.j 2) a. a. 0. S. 555.