Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Äber die wilTenf<baftlidK Darltelluug des Judentums. Bon Professor I>r. 2 t m o u 2tcru, Rabbiner in 2 a a;v Jede lvissenschaftliche Darstellung folgt den Erscheinungen und Tatsachen nach und sucht sie begreiflich zu macheu, indem sie ihre Ursachen aufdeckt. Die erste Aufgabe einer jeden Wissenschaft ist darum eine deskriptive, die Aufzählung und Gruppierung jener Erscheinungen, mit denen sie es zu tun hat. Tenn Eines ist sicher und darauf ruht unser Erkennen: teilte Wirkung ohne Ursache. Was gibt aber Gewähr, die richtige Ursache gefunden zu haben? In der Naturwissenschaft ist es das Experiment. Man versucht hier, ob immer derselben Ursache dieselbe Wirkung folgt und erlangt auf diesem Wege bis zu einer sehr weitreichenden Grenze exaktes, sicheres Wissen. Wo rnan nicht experimentieren kann, wie z. B. bei Atomen und Molekülen hört die absolute Sicherheit auf und man ist auf Theorieen und Hypothesen angewiesen. Aber auch Hypothesen nennt man sichere, wenn man durch ihre Annahme allein imstande ist, eine Reihe gegebener Tatsachen zu erklären und man spricht von Molekülen, von Atomen, vom Lichtäther, wie wenn sie mit den Sinnen wahrnehmbar und unwiderleglich bewiesen wären. Die Wissenschaft des Judentums, die es zunächst mit geschichtlichen Ereignissen zu tun hat, ist, wie jede historische, der Naturwissenschaft gegenüber in doppeltem Nachteile. Die Tatsachen, die eine historische Wissenschaft darstellen und erklären will, sind zum größten Teil längst vergangene, sie ist ans Quellen angewiesen, die man oft ans guten Glauben hin annehmen muß, fremde Augen haben gesehen, fremde Ohren gehört, fremde Hände geschrieben und jeder weiß, wie solche zuweilen nicht zuverlässig sind. Diese nicht immer gut bewiesenen Tatsachen müssen auf ihre Ursachen hin erforscht werden. Die Ursachen sind nicht mit Hilfe eines Experimentes zu beweisen, denn, man kann mit den Tatsachen nicht experimentieren, sie sind nicht mehr vorhanden. Zu ihrer Erklärung bleibt nur die Hypothese, die. je nach der größeren Anzahl der Tatsachen, die sie erklärt, an Sicherheit gewinnt. Wer das Judentum als historische Erscheinung darstellen will, darf nicht einen Allsschnitt nehmen, sondern das gesamte Judentum von seinem Anbeginn bis heute. Er hat die Geschichte des Judentums zu schreiben, d. h. die pragmatische Aufeinanderfolge der Tatsachen und ihre Erklärung. Ohne diese wäre die Aufzählung der Tatsachen eine Chronik aber keine Geschichte des Judentums. Die richtige Hypothese' die die Erklärung liefert, zn finden, ist oft Sache der Genialität, die mit wissenschaftlichem Geiste gepaart ist.. Man nennt auch darum den Historiker einen Propheten mit dem nach der Vergangenheit gerichteten Blick. Anders die Darstellung des Wesens des Judentums. Dabei ist nur das Judentum unserer Zeit als gegebene Tatsache festznhalten. Diese Thatsache ist zu beschreiben und zu erklären. Was vorhergegangen ist, gehört wohl, weil es zur Erklärung