Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970016--7503-2978186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 Uiti> diese Willensstärke war es auch, die unserem Paare vor altem jetzt uotrat. Ilud diese war. auch in reichem Maße vorhanden. War sie doch in der voransgegangenen 3d)ii£c des Leidens besonders entwickelt worden! Aber leider nicht in gleichem Maße für beide Ehegatten. Der Mann, mit seinem hervorragend entwickelten Per sta nds leben fugte sich verhältnismäßig rasch in die nengeschafsenen Perhältnisse. Wenige Jahrzehnte genügten, und er. der Jude, stand als vollwichtiger Kulturmensch da. der sich seinen Platz in allen Werkstätten menschlicher Arbeit erobert hatte, tätigen Anteil nahm an allen wissenschaftlichen Bestrebungen und Aufgaben der Menschen. Er. als Mensch, paßte sich rasch an. Die Amu dagegen mit ihrem besonders entwickelten Gem ütsle be n konnte und mochte sich zu keinerlei Konzession an die neuen Lebensverhältnisse bestimmen lassen. Unabänderlich lehrte und besaht sie die alten, für ganz andere Perhältnisse geschaffenen Lebensregeln, mit jedem Paragraphen der alten Hausordnung, der ins Wanken kam, glaubte sie selbst sterben zu müssen. Zie, die jüdische Religion, d. h. deren Rituql- Lehre. wollte nichts von veränderten Lebensverhältnissen und Rechten der Gegenwart nässen. Ihr Heer von Paragraphen ward nimmer kleiner, wollte keinerlei Anpassung sich fügen. llnd so kam, was kommen mußte. Der verjüngte Gatte hatte eine veraltete Gattin, der zeitgemäß entwickelte. auf der Hohe moderner Erkenntnis stehende jüdische Mensch hatte eine für ihn in ihren offistell ungeschmälert aufrecht erlutltenen Ritualvorschriften durchaus nicht mehr zeitgemäße Religionsform. Es kam, was kommen mußte, die immer mehr sich vertiefende Entfremdung der beiden Gatten, die immer mehr sich erweiternde Kluft zwischen Inden und Juden timt. Alte Liebe rastet und rostet ja nicht! Der Jude, ich betone dies mit allem Rach drucke, der durch das Judentum mit seiner ethischen und geistigen Schulung zur vollen Erkenntnishöhe unserer Zeit emporentwickelte Mensch liebt sein Judentum, nicht allein ivegen der gemeinsamen leidensreichen Pergangenheit, nicht allein ob seiner historischen Bedeutung, sondern vornehmlich auf Grund vergleichender Rel igionsstudien. Er iveiß, das Judentum steht in seinem Kerne a m nächsten dem idealen Ziele, der auf dem unerschütterlichen Grunde sittlicher und geistiger Reise sich aufbauenden, dereinstigen Menschheitsreligion; — aber er steht entsetzt vor der Tatsache, daß es dem sich stetig als Mensch vorwärts entwickelnden Juden immer noch offiziell Religionsformen gegen überstellt, die heute keinen Platz im Leben und Denken des modernen Menschen haben, die ihm notgedrungen eine Heuchelei aufzwingen, die ihn beschämt, vor sich selbst erniedrigt, seelische Qualen verursacht. Und welch' eine Heuchelei! Wie allseitig anzutreffen und wie tief, tief jeden ivahrheitsliebenden Charakter verletzend, mit welch' berechtigter ernster Besorgnis um den Fortbestand des Judentums erfüllend!