Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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18 „Was haben mir denn unfern Nachbarn Böses zu gefügt'? Womit eigentlich deren Haß erregt?" fragte er, fragte sie. Und keiner fand eine Antwort und beide duldeten, lange, lange Zeit schweigend. Nichts als die heroische Ausdauer der schuldlos Leidenden setzten sie ihren Feinden entgegen. Auf diese edelste Art hofften sie ihre Gegner zu entwaffnen. Es waren schwere, schwere Zeiten, die unser Paar da gemeinsam durch lebte, durchlebte, eben weil es gemeinsam geschah. Zetzt erst lernten sie erkennen, was sie einander waren. Wenn auch Hohn, Schlage und Verfolgung auf der Straße, da heim an-der Seite einer solchen Gefährtin richtete der Gatte sich ans, deren Besitz gab ihm sein Selbstbewußtsein wieder. Und hörte die Frau sich auch draußen schmähen und verleumden, sie fand Trost im Gatten., der fest an sie und ihre Tugend glaubte, freudig für sie kämpfte und litt. Doch alle Geduld des edlen Paares rührte nicht znm erhofften Ziele. Es ward statt besser, böser. Und endlich, eines Tages, da glaubte unser schwergeprüftes Paar die Quelle all seiner Leiden in seiner bisherigen Zurückgezogenheit zu erkennen, in der Unkenntnis, in der bisher seine Mitmenschen über sein wahres eigentliches Wesen sich befanden. Und darum beschlossen denn die Beiden heranszutreten aus ihrer Einsamkeit, einen Platz mitten unter den anderen Menschen sich zu erringen, um diesen zu zeigen, daß sie gleichwertig und darum auch gleichberechtigt mit allen Anderen zu allem Schönen und Angenehmen im Leben seien. So hofften sie endlich Ruhe zu finden und mitten unter den Nachbarn das bisherige innige Verhältnis fortzusetzen. Nach harten Kämpfen erreichten sie auch,- was sie erstrebt hatten. Sie nahmen einen durch das alles umschließende Strafgesetz geschützten Platz unter den Menschen ein, die Verfolgungen horten auf, die errungene Gleichberechtigung mit den anderen Menschen — doch eigentlich ein natürliches Recht — übte ihren wohltuenden Einfluß aüs, die bisher feindlichen Nachbarn lernten nun unser Paar erkennen und schätzen, aber —um das bisher so innige, ungetrübte Verhältnis desselben zueinander war es geschehen. Und das aus folgender Ursache. Als nämlich die Beiden in der neuen, ihnen nunmehr vollständig erschlossenen Welt Umschau hielten, da machten sie die schwerwiegende Wahrnehmung, daß sie in ihrer bisherigen Zurückgezogenheit alt, recht ctlt geworden waren. , Sie sahen da die Menschen alle mit ihren Arbeiten, ihren. großangelegten Be strebungen und Zielen, die ihnen neu, unbekannt und vorerst auch unverständlich waren: sie sahen die von den ihrigen so grundverschiedenen Lebensgewohnheiten der Menschen. Gewohnheiten und Sitten, festgefügte Lebensregeln, die eben aus den Lebensaufgaben und Bedürfnissen heraus sich entwickelt hatten,; sie sahen, daß mit den ihnen neuerschlossenen Kreisen Lebensbedingungen gegeben waren, die zuweilen in krassem Widerspruche mir den von ihnen bisher so heilig gehaltenen und peinlichst beobachteten Lebensregeln standen, sie sahen alles dies und erkannten, daß sie alt geworden waren. Aber alt ist nur, wer alt sein will, wer nicht genügend Energie besitzt sieb innerlich zu verjüngen, neu auf- und fortzuleben durch Anpassung an die einmal ge gebenen, des neuen Daseins Basis bildenden Verhältnisse.