Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Davon kann auch die folgende ans dem vollen Menschenleben gegriffene Geschichte erzählen. War da ein Ehepaar, das lange, lange Zeit in gar glücklicher, durch die innigste Harmonie ausgezeichneter Ehe miteinander lebte. Ihres Daseins ganzer Inhalt bestand in der gegenseitigen Förderung und Ergänzung, die ungetrübte Innigkeit ihres Herzensbundes gelangte in der beiderseits unbegrenzten Aufopferungsfähigkeit und — Freudigkeit für einander zu erhebendstem Ausdrucke. Das glückliche Paar fand sein Genügen vollauf in sich selbst und schloß sich darum sorgfältig von den übrigen Menschen ab, die ihm nichts Wesentliches zu bieten, nichts zur Erhöhung seiner Glückseligkeit beizutragcu hatten. Nichts mehr wußten die Nachbarn von unserem Ehepaare, als daß es in einzigartiger Innigkeit miteinander verbunden war, und daß er der Jude, und sie die jüdische Religion hieß. Jede tiefere Erkenntnis aber verhinderte die peinlichst in allen Lebensgewohnheiten durchgeführte Abgeschlossenheit des aller Welt so seltsam erscheinenden Paares. Diese Abgeschlossenheit aber gehörte einst mit zu den Grundbedingungen dieses Eheglückes. Schon der Vater der Gattin, ein sehr weiser, seiner Zeit weit vorausgeeilter Mann namens Moses, hatte auf diese Zurückgezogenheit hin den jungen Gatten, der zur Zeit seiner Eheschließung ein einfacher, aus Babylonien stammender, ägyptischer Arbeiter gewesen, strenge verpflichtet und dem jungen Paare für den künftigen Haushalt zahlreiche, bis auf die geringsten Details sich erstreckende Vorschriften mitgegeben, alle bestimmt, dieses von den übrigen es damals umgebenden, eine sehr böse Lebensweise führenden Menschen abzusondern. Und so lebte denn unser Paar lange, lange Zeit gar glücklich für sich. Schlugen sie auch ihr Zelt im.Laufe der Zeiten an verschiedenen Srten auf, immer war es ihre eigene kleine Welt, in der Eines nur für's Andere leite, in stetig sich mehrenden und durch die Abgeschlossenheit bedingten Soudergelvohnheiten, die sich allmählich bis zu festen Regeln und Hausgesetzen ohne Zahl verdichteten, über deren peinlichste Einhaltung die Gattin sorgsam wachte und die der Gatte, obwohl manche Entsagung mit ihnen verbunden war, dennoch freudigst innehielt. Er tat es aus Liebe zu seiner, mit den edelsten Tugenden ausgestatteten Gattin, und ein Dichter, der unser Paar in seinem damaligen Glücke sah, fühlte sich zu dem Ausspruche begeistert: | „Nicht vermögen mächtige Wasser die Liebe zu verlöschen, Und Ströme sie nicht zu überfluten." «Hohelied s,7.> Was aber die Wasserströmc nicht vermochten, setzten die Menschen durch, die Nachbarn, die kein Verständnis für die Innigkeit dieses Bundes besaßen und denen auch das wahre Wesen unseres vereinsamten Paares unbekannt war. Vorerst Neid, Mißgunst und scheele Blicke und bald auch offene Feindschaft und Verfolgung begannen an der ruhigen Glückseligkeit desselben zu rütteln; die freiwillig Zurückgezogenen wurden dann gesetzlich in eine erniedrigende, würdelose Ausnahmsstellung gezwängt, ihre kleine, bescheidene Hütte durste nimmer stehen, wo es ihren Besitzern beliebte: und wo sie stand, umtobte sie so oft der Pöbel, der des Gatten Namen zum SmMrufe, und die unverstandene Tugend der Gattin zum Mustcrbildc der Tngendlosigkeit gemacht hatte.