Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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13 es annehmen ober ablehnen können. Nachdem sie von menschlichen fesseln befreit worden, sollten sie auch von dem Zwange der Leidenschaften befreit werden. Ta kann nicht mehr von einem Joche des Gesetzes die Rede sein, da ist kein Sklavendienst, wo man aus menschlichen Banden erhoben wird zu den freien Höhen des Göttlichen. Durch das Gesetz entschwinden uns Zufall und Willkür und haben wir den einzig unverrück baren Standpunkt gewonnen für die Weltanschauung wie für die Lebenshaltung. Ein kindlich Gemüt mag wohl sagen können: „Ich erinnere mich kaum eines Gebotes: nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes: es ist ein Trieb, der mich leitet und immer recht führt: ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß so wenig von Einschränkung wie von Reue." Mag auch ein Einzelner des Gesetzes nicht bedürfen, weil ihn seine Gottesliebe und seine Menschenliebe sicher leitet — die Menschen in ihrem Berkehr können des Gesetzes nicht entraten, sie werden frei erst durch das Gesetz: jeder wandelt frei und sicher seine Bahn, wenn auch der Nächste durch das Gesetz seine Grenze findet. Wir denken hier an das alles bindende Sittengesetz, denn was die religiösen Gebote betrifft, so konnten sie nur Israel vorgelegt werden, weit nur Israel geeignet war und bereit war sie anzunehmen. Wie die einzelnen Priester als Lehrer und Borbilder dem Bolke vorangehen, dabei aber gewisse Amtshandlungen vollziehen, von denen das Bolk frei ist, so hatte Israel als Priesterreich manche Borschriften zu beobachten, die nicht den Bölkern zugemutet werden konnten. Tie Religion mußte erst in einem Volke Boden gewinnen und zu ihrer Höhe geführt werden, ehe sie die nationale Grenze überschreiten konnte. Darum ist der mosaische Bolksgedanke mit der Religion eng verbunden, darum empfängt das religiöse Leben zuerst eine nationale Ausprägung. Wenn die religiöse Praxis Israels Weisheit und Einsicht bekunden sollte, so mußten auch seine Grundsätze der Religion und Moral Anerkennung finden. Tie Grundsätze bilden, so lange die menschliche Statur eine gottähnliche bleibt, so lange Liebe und Recht die Menschen zu Kindern Gottes stempelt, die Grundsätze bilden ein ewiges Fundament für die Religion wie für die Moral: dagegen sind Gesetze der Zeit unterworfen. Sic entstehen in der Zeit und können auch mit der Zeit verändert oder durch neue abgelöst werden, je nachdem die Anschauungen in Staat und Gesellschaft das erfordern. In gleicher Weise verhält es sich mir den Ceremonieen. Philo sagte einmal: Wie die Seele des Körpers bedürfe, so bedürfe die Idee der Verkörperung, der Gedanke eines formellen Ausdrucks. Das Gesetz verhalte sich zum Gedanken, wie der Leib zur Seele, in der Übung des Gesetzes werde der Gedanke am tiefsten erfaßt Und Mendels sohn meinte: Das Ceremonialgesetz war das Band, das Handlung mit Betrachtung Leben und Lehre verbinden sollte. Wir können das wohl verstehen. Wie der Dichter durch ein Bild, durch ein Gleichnis verständlicher wird, so sucht der Lehrer durch Beispiele, durch Zeichnungen, durch Gerätschaften der Auffassung entgegenzukommen. Um dem Kinde eine Lehre anschaulich zu machen, erzählt man ihm eine Parabel, eine Fabel; um dem Bolke in seiner Kindheit eine Religionslehre anschaulich zu machen, gibt man ihm Symbole: um es zur Sittlichkeit anzuleiten, gibt inan ihm Eeremvnieen. Was der Anschauungsunterricht der Schule, das sind die Sinnbilder und Ceremonieen