Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2970014-2970016--7494-2978177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Veranstaltung, die sich einst als heilsam und zweckmäßig erlvies, später durch lmuer* künftigen Mißbrauch solches Unheil stiften, solches Verderben anrichten werde? Es ist das ein außerordentliches, belehrendem Zeugnis dckfür, daß Formen und Einrichtungen, die bedeutungslos geworden sind, und die dennoch aufrecht erhalten, heilig gehalten werden, weil man eben der Aeußerlichkeit huldigt und dem Geiste sich entfremdet, mitunter für den Fortbestand der wahren Religion große Gefahren in sich bergen, daß man sie niederreißen und fortschaffen niuß, damit, anstatt des blöden Wahns, der die Gemüter gefangen hält, die echte Frömmigkeit eintrete, die die Geister befreit und erleuchtet, die die Herzen läutert und veredelt, die uns Würde und höhere Einsicht verleiht und in Wahrheit den Menschen zu Gott emporführt. Hiskia hat die Form zerstört um den Geist zu retten, unsere Weisen haben den Buchstaben der Lehre ihrem Geiste nnterordnet, und so ist es denn durch die Geschichte und die Ueberliefcrung fest gestellt, daß da, wo durch ein Hervordrängen der Aeußerlichkeit Verirrungen entstehen, die den Geist des Judentums trüben, Mißverständnisse und Mißbräuche hervorgerufen werden, durch welche die Religion verunstaltet und wir ihren Zielen entfremdet werden, es geraten und geboten ist, sie hinwegzuränmen, damit nicht die Wahrheit getrübt und verdrängt werde, durch das Unwesen, das sie überwuchert und ihr allmählich das Recht des Bestandes streitig .macht. Da wo die Form über den Geist gestellt wird", gegen den Geist angekämpft wird, damit er zurücktreten und nur die Form und Aeußerlichkeit allein das Wesen der Religion bilde, da ist es Zeit sie wegmschaffen, da ist es ein Gebot der echten Liebe zum Judentum, der wahren Herzensfrömmigkeit, den edlen gediegenen Kern der Religion zu befreien von der saftlosen Schale und von der veralteten Kruste, die ihn selbst nicht zur Entfaltung gelangen läßt. Man hat es auffällig gefunden, daß das Judentum, das ja von seiner Entstehung an gegen das, den Sinnen huldigende Heidentum den lautesten Widerspruch erhob, dem Menschen . die Welt des Ueberfinnlichen erschloß, feine Anschauung von wahnhaften Trübungen zu läutern und mit richtiger Erkenntnis ztl erfüllen suchte, daß das Judentum, diese Religion des Geistes, wie man sie ja'vorzugsweise nennen darf, dennoch einen so großen Wert gelegt hat auf die Formen, in denen die Gottesverehrnng zum Ausdruck gelangt, ja über das ganze Leben gleichsam ausgebreitet hat ein Netz von Vorschriften und Satzungen, das von allen Seiten es umschlingt und um windet. Dem Geist ziemt Freiheit und Bewegung, freie Entsagung der eigenen Kraft, wozu daher die beengenden Formen, die nur der lebendigen Fortentwickelung hinderlich im Wege stehen, immer nur wieder die leere Aeußerlichkeit hervortreten lassen? Was soll die Spreu bei dem Körne, wie kommt das leere Stroh zu den vollen Fruchthalmen? Wir haben auf diese Frage zwei Antworten. Erstens war das Judentum, so lange es noch in seiner ursprünglichen Gestalt sich erhielt, gar nicht so mit den vielen Formell überladen, wie man sich das heutzutage denkt. Freilich, das Judentum, das aus den Zeiten des Mittelalters auf uns gekommen ist, das bat auch ganz die Spuren desselben an sich getragen, das war verfinstert und verunstaltet. Da war der Geist, wenn auch nicht völlig entflohen, doch so beengt und zurückgedrängt, so herabgekommen und niedergedrückt, daß man ihn gar nicht mehr als jenen Geist des Lichtes und der Hoheit zu