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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-01-01 · Heft 1 (1.1.1905) · p. Seite 4

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 1 (1.1.1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 4 (sequence 12)
Language
German
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4 also festzuhalten, daß die orthodoxen Anschauungen, die das moderne Judentum beherrschen, nicht die Gesinnung der Majorität der deutschen Juden widerspiegetn, sondern nur den Geist einer kleinen, aber rührigen Partei. Welch' ungesunde Verhältnisse dadurch geschaffen werden, das zeigen die jüngsten Repräsentanten Wahlen der Berliner jüdischen Gemeinde. Während lei der letzten Wahl die liberalen Kandidaten unterlegen waren, siegten sie jetzt mit einer 6ebeutcubcn Majorität, und zwar nur deshalb, weil sie. durch die Erfahrungen ihrer letzten Niederlage gewitzigt, die Forderung eines Predigtgottesdienstes am Sonntag, die vor drei Jahren die Ursache ihres Falles gewesen, aus ihrem Programm gestrichen haben. Ist es nicht bedauerlich, daß eine so zwingende Forderung von den Liberalen preisgegeben werden mußte, nur weil es einer rührigen orthodoxen Minorität so gefällt! Würde nur die Hälfte derer, die liberal denken, wenigstens regelmäßig das kleine Opfer bringen, ihre Gesinnung durch ihre Abstimmung ,;u betätigen, anstatt dem Wahlakte gleichgültig fernznrleiben, es wäre ein Leichtes, dem liberalen Gedanken zum Siege zu verhelfen. Das gilt nicht nur für Berlin, sondern für fast alle Gemeinden unseres Vaterlandes. Solange die numerisch außerordentlich starke liberale Partei den Jndifferentismus ihrer Anhänger nicht zn brechen vermag, hat sie kein Anrecht, an dein zeitgemäßen Ausbau des Judentums lnitznarbeiten. Und wie ungünstig wird durch die Gleichgültigkeit der liberalen Juden d i e Stellung der RabbineV beeinflußt! Es gibt zweifellos unter den Rabbinern sehr viele wirklich liberal denkende Männer. Ist i4 doch ein offenes Geheimnis, daß sogar bei Vakanzen in der Berliner Reformgemeinde sich zahlreiche Theologen bewerben, natürlich unter der Voraussetzung strengster Diskretion: denn sie würden in ihren Gemeinden um Amt und Brot kommen, wenn mall von einer derartigen Bewerbung Kenntnis erhielte. Aber auch unter den Rabbinern, die nicht den radikalen Anschauungen der Berliner Reformgemeinde huldigen, finden sich außerordentlich viele, die ihre aufrichtig liberale Gesinnung in ihrer Gemeinde nicht bekunden dürfen, weil ihnen eben die rührigen Anhänger fehlen. Zweifellos wird z. B. in zahlreichen Gemeinden das Speisegesetz nur noch von wenigen beobachtet. Wollte mm ein Rabbiner, der denselben Anschauungen huldigt,, in solchen Gemeinden seinen Standpunkt frei und rückhaltlos zum Ausdruck bringen und in der Praxis betätigen, was in seiner Gesinnung lebt, in fast allen Fällen müßte er riskieren, seiner Stellung enthoben zu werden, und nur wenige oder gar keine liberale Gesinnungsgenossen würden für ihn eintreten. Darum schweigt er oder tritt vielleicht sogar für den Fortbestand des Speiseritnals ein, das in der Praxis von den meisten Mitgliedern seiner Gemeinde längst beseitigt wurde und theoretisch nur bestehen bleibt, weil der Jndifferentismus der Liberalen es so will. Ich meine, wir könnten hier von den Protestanten lernen, bei denen gerade die gebildeten Kreise durch ihre moralische Unterstützung den freien religiösen Gedanken außerordentlich stärken. Es wäre nicht möglich, 'daß einer der ersten protestantischen Hochschullehrer, Adolf Harnack in Berlin, das Dogma von der Gottheit Jesu verneint, wenn nicht die geistige Elite des protestantischen Deutschland hinter ihm stände. Der freudige Widerhall, den sein „Wesen des Christentums" in den besten Kreisen der

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