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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1905-01-01 · Heft 1 (1.1.1905) · p. Seite 3

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
25 (1905)
Issue
Heft 1 (1.1.1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 3 (sequence 11)
Language
German
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3 reformatorischen Bewegung innerhalb der deutschen Jndenheir verschuldet haben. Die Fehler erkennen, heißt hier den Boden für die Besserung vorbereiten. Und da sei denn gleich der Gnmdfehler genannt, in dem alle anderen wurzeln, das Grundübel, ans dem die gegenwärtigen Zustände sich notwendig entwickeln mußten. Es ist der trostlose Indifferentismus der Gebildeten unter den liberalen, die geradezu erschreckende Gleichgültigkeit, die in religiös freisinnigen Kreisen gegenüber religiösen Tagesfragen herrscht. Den liberalen Führern fehlen die Truppen. Nicht als ob die gebildeten Elemente überhaupt kein Interesse für den freisinnigen Ausbau des Judentums besäßen! Im Gegenteil! Für sich persönlich haben die meisten schon längst die zeremoniellen Vorschriften überLZord gewonen. Das Speiseritual hat seine Bedeutung verloren: die strengen Sabbathvorschristen werden nicht mehr befolgt: das Gebot der Dfillin besteht nur noch in der Theorie, und selbst das GeseA der Eirenmeision wird von vielen nicht mehr beobachtet. Indessen all das vollzieht^sich eigentlich nur privatim: Hunderte und tausende leben und handeln danach, soweit ihre persönliche Stellungnahme dabei in Frage komnit: eine Propagierung dieser Gedanken aber weisen sie zurück. Sie begniigen sich damit, ihre freisinnige Auffassung des Judentums in ihrem eigenen Hanse zu betätigen, und lehnen es ausdrücklich ab, auch weitere Kreise dafür zu interessieren. Dies Verhalten mag in der Furcht begründet sein, daß das öffentliche Eintreten für den Reformgedanken innerhalb des Judentums auch positive Arbeit verlange. Denn es genügt in der Tat nicht, veraltete Formen ohne weiteres zu beseitigen: man muß für das überlebte Ceremoniell Ersatz bieten können, wenn man auf Erfolg rechnen will. Zum mindesten wäre es die Pflicht aller liberal Denkenden, für' einen zeitgemäßen Ausbau des Gottesdienstes Sorge zu tragen, und dem auf diese Weise nmgestalteten Kultus durch rege persönliche Anteilnahme am gottesdienstlichen Leben förderndes Interesse entgegenzubringen. Ein solches Beispiel würde erziehlich auf die minder Gebildeten einwirken und sie schließlich dahin führen, daß auch sie gerne und freudig an einem Gottesdienste sich beteiligen, der die Ghettogewohnheiten so vieler orthodoxer Gemeinden siegreich überwindet. Aber selbst dieses geringe Opfer, wenn man es überhaupt so bezeichnen kann, lehnen die gebildeten Vertreter des Liberalismus in der Regel ab, geschweige denn, daß sie ein wirkliches Opfer für die Sachs zu bringen bereit sind. Mit Recht klagt man über die gähnende Leere in den Reformsynagogen, und man benutzt diese unbestreitbare Tatsache, um den Reformgcdankcn überhaupt als etwas Ungesundes zu erweisen: und doch wird im Grunde nichts anderes dadurch erwiesen, als der Indifferentismus derer, die, in ihrem Herzen freisinnig, durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung die berufenen Träger des freien Gedankens sein müßten. So hat der religiöse Liberalismus durch die Gleichgültigkeit der Gebildeten die Leitung aus den Händen gegeben. Die eigentlichen Wortführer des ofsiziellen Judentums sind in der Gegenwart die Anhänger einer mehr oder weniger orthodoxen Minorität, die sich mit einem Scheine von Berechtigung als die allein berufenen Vertreter des Judentums ausgeben können, weil die große Zahl der liberal Gesinnten durch ihre Gleichgültigkeit das Recht der Mitarbeit an dem zeitgemäßen Ausbau der Religion verwirkt hat. Es ist

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