Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1904)
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 258 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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einwandfrei warMast klagte Heine an, daß er Napoleon I. verherrlicht. „Ich kann es ihm nicht verargen," meinte Fürst Bismarck. „Ich hätte, wäre ich an seiner Stelle gewesen, kaum anders gehandelt. Hätte es mir. wenn ich, wie Heine, als Jude geboren .wäre, gefaben können, daß man um 8 Uhr Abends die Tore der Judenstadt absperrt, überhaupt die Inden unter die schwersten Ausnahmegesetze gestellt hat? Ein Heine mußte naturgemäß in dem Manne, der die französische Gesetzgebung in die Rheinlande brachte, die Ausnahmegesetze insgesamt aufhob, einen Erlöser von marlervollem Drucke preisen." — „Die Juden in Sibirien," *so lautete das * Thema, welches Herr Privatdozent Dr. Georg Huth Berlin am 11. Oktober im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" zu Königsberg in mehr als einstündigem Vorträge im Artushof behandelte. Der Vortragende, der zu Studienzwecken Sibirien längere Zeit hindurch bereist und dort bei den Behörden And Einwohnern bereitwilligstes Entgegenkommen geflmdeu hat, erörterte in seinen einleitenden Ausführungen zunächst die Frage, woher und ans welche Weise Sibirien seine Juden erhalten habe, deren Kopfzahl heute 0,;* Prozent bei zirka 7 Millionen Einwohnern beträgt. Zumeist so führte er aus, sind die sibirischen Juden aus dem innern russischen Reiche dorthin verbannt worden. Viele ihrer Familien folgten ihnen freiwillig ins Exil und zahlreiche der heute in Sibirien lebenden Juden sind deren Nachkommen. Es gibt aber auch eine größere Anzahl von Juden, die freiwillig nach Sibirien ausgewandert sind. Kaiser Alexander der Erste hegte den Wunsch, daß sich jüdische Familien in Sibirien niederließen, um dort Ackerbau zu treiben, ebenso Nikolaus der Erste, der ihnen anfangs besondere Privilegien bewilligte, die aber bald unter allerlei Motiven wieder zurückgezogen wurden, so daß schließlich die Übersiedelung russischer Inden nach Sibirien völlig eingestellt wurde. Sie wurden nunmehr wie früher in Südrnßland angesiedelt. Was die Arbeitstätigkeit der sibirischen Juden aubetrifft, so erstreckt sie sich insbesondere aus Handel und Gewerbe. Das Beamtentum ist ihnen verschlossen. Hervorragendes leistet eine Anzahl von ihnen als Ärzte, die an russischen und deutschen Universitäten ihre Vorbildung genossen haben. Die meisten sibirischen Juden sind nach den persönlichen Erfahrungen des Vortragenden, was ihre materielle Lage anbelangt, durchaus zufrieden, die Gewerbetreibenden haben allerdings ein ziemlich unsicheres Los. In größeren Städten Sibiriens gibt es dagegen eine größere Anzahl reicher Jndenfamilen. Die soziale Stellung der sibirischen Juden darf als eine durchaus gute bezeichnet werden. Sie leben mit den anderen russischen Untertanen nicht nur in friedlichem, sondern oft auch in freundschaftlichem Verkehre, so daß man der christlichen Bevölkerung in dieser Beziehung das beste Zeugnis ansstellen darf. Mit einer kurzen Betrachtung über das Bildnngs- Und Schulwesen in Sibirien, das auf eine große geistige Regsamkeit schließen lasse und an dein das jüdische Element nicht den letzten Platz einnehme, schloß der Redner seinen Vortrag und gab dem Wunsche Ausdruck, daß Sibirien auch weiterhin zum Lichte der Freiheit fortschreiten möge.