Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1904)
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 259 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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- 259 - — Der bekannte Wiener Schriftsteller Sigmund Münz erzählt in der „Re»«tt Freien Presse" aus einer Unterredung mit dem Reichskanzler Külow: „Die Rede kommt auf den jüngst dahingeschiedenen Dr. Herst und im Zusaminenhange damit aus die zionistische Bewegung, die namentlich unter den Juden des Ostens platz« gegriffen. Der Reichskanzler erinnerte sich den nun Verstorbenen zweimal gesehen zu haben, einmal im kaiserlichen Zeltlager i» der Nähe von Jerusalem, das ztveite Mal in Berlin. Beide Male hatte Dr. Herzl dem Grasen Bülow seine Aufwartung gemacht, um zuerst den Staatssekretär des Äußeren in ihm und dann de» Reichskanzler für die Forderung des zionistische» Gedankens zu gewinnen. Graf Bülow war jedoch keineswegs in der Lage, Dr. Herzl. in dessen Propaganda zu bestärken und ihm irgendwelche verheißungsvolle Förderung seines Projekts in Aussicht zu stellen. Bei Anerkennung der hervorragenden schriftstellerischen Begabung des Berstorbenen, dessen gefällige und eindrucksvolle äußere Erscheinung dem Kanzler in ’5 lebhafter Erinnerung geblieben, vermochte dieser jedoch nicht, dem Zionismus viel Geschmack abzugewinilen. Graf Bülow hat offenen Sinn für den Druck, unter dem die in Massen zusammengepfcrchten Juden des Ostens lebe», ja er sucht sogar in einem Gespräche den Ursache» nachzusorschen, die es betvirkt haben, daß sich gerade im Osten solch ein i» trostlosen Verhältnisse» befindliches jüdisches Proletariat herausgebildet; aber es will ihm keineswegs einlenchten, daß eine Massenansiedelimg der Juden in Palästina diesen Zustand zu sanieren vermöchte. Wie leicht könnten so die armen Buden, deren Not Graf Bülow während eines mehrjährigen Wirkenals deutscher Gesandter in Bukarest ans nächster Nähe teilnahmsvoll »achzugehea Gelegenheit hatte, ans der Skylla in die Chnrybdis geraten. „Ich habe nicht leicht/ bemerkte der Reichskanzler, der im Herbst 1898 im Gefolge des Kaiser Wilhelm die Jerusalemfahrt mitmachte, „ein so unfruchtbares Land gesehen wie Palästina/ Schon dies spricht gegen die zionistische Utopie. Dazu — woraus ich dem Dr. Herzl gegenüber kein Hehl machte und worauf er auch nicht viel einzuwenden wußte —«■ die Erwägung, daß der Zionismus höchstens das jüdische Proletariat, keineswegs aber Wohlhabende und Gebildete unter den Juden Europas zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen vermöchte. Schnorrer aber eignen sich nicht zur Staatengründung und nicht einmal zur Kolonisierung. Die deutschen Juden zumal wären durch ihre ganze Geschichte und durch ihr von nicht gewöhnlicher Begabung und Zähigkeit getragenes Eingreifen in das deutsche Wirtschafts-, Geistes- und Kunstleben zn sehr mit Deutschland verknüpft, als daß sie das Bedürfnis empfinden, könnten, sich in ei» aussichts- und uferloses Palästinaexperiment hineinzustürzeu. Gewiß, er könne und wolle sich nicht der Anschauung verschließe», daß der Rot « der östlichen Juden gesteuert iverden sollte — und zunächst von jüdischer Seite — 3 aber noch i nun er sei er der Meinung, daß ihnen trotz der bisherigen Mißerfolges durch Kolonisierung in Argentinien eher Heil erwachse» könne, als durch den mehr; von sentimentaler Romantik und keineswegs von praktische» Erwägungen geleitete»;