Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1904)
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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246 träge wurden vor einem besonders geladenen Publikum gehalten, und zwar verschickte man die Einladungen, nach sorgfältiger Auswahl, möglichst an solche Gemeindemitglicder, die nur noch in lockerem Ziisaminciihange mit der jüdischen Gemeinschaft stehen. Die Veranstaltung fand einen großen regelmäßigen Zuhörerkreis ans geistig hochstehendem Publikum und erfreute sich reichen Beifalls. Den Ausführungen so wissenschaftlich anerkaiiiiter Männer, wie z. B. Hermann Cohen, Alfred Stern, Marti» Philippson,' Ludwig Stein, Ludwig Geiger und anderer gelang es in der Tat, öie- Interessen für die Ideen des Judentums auch an solchen Stellen nen z» beleben, wo dasselbe fast erloschen zu sein schien. Sodann galt es, den Kamps gegen diejenige» Bestrebungen zu richten, Ivelche die äußere Veranlassung und die Grundlage des Übels der Taufe sind, d. i. gegen den Antisemitismus, insbesondere gegen die von Seiten des Staates geübte Nichtachtung der uns gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte. Den energischen Bestrebungen Ü»es Frankfurter Komitees nach dieser Richtung ist, zusammen mit den von Berlin aus geschehenen wesentlichen Vorarbeiten, die Gründung des „Verbandes der Deutschen Inden" zu danken. ' 1 Die dritte Maßregel endlich bewegte sich ans rein religiösem Gebiete. Unsere Jugend, und zwar ganz besonders die akademische Jugend oder wenigstens die Schüler höherer Lehranstalten, haben sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr dem Judentum entfremdet und liebäugeln mit de» Bestrebungen und Einrichtungen, teils des alte», überkommenen, teils eines modernen Christentums. Diese Tatsache ist nicht wegznleugnen: sie mag bedauerlich sein, aber man muß mit ihr rechnen. Gerade bei uns in Frankfurt mußten wir diese Entfremdung immer mehr wachsen sehen, nicht zum wenigstcn in den Kreisen der ivohlhabenden altangescssenen Familien. Spürt man den Ursachen dieser Entwickelung der Jugend nach, so findet man sie wohl mit Recht neben der staatlichen Lage, neben der völligen Unkenntnis in Bezug auf die Geschichte und das Wesen des Judentums und neben dem Mangel an gehörigem Religionsunterrichte auch darin, daß es unserer Jugend, soweit sie städtische höhere'Schulen besucht, heute nicht mehr möglich ist, einem Gottesdienste zu folgen und ihn zu verstehen, wie er »och vor dreißig Jahren zur Zeit Abraham Geigers ein bcwundernngswürdiger Fortschritt auf dem Gebiete der Wiedergeburt des Judentums war. Damals dnrfle die jüdische Theologie in dem Streit über die Sprache des Gottesdienstes, trog allen schon geplanten und errungenen Fortschritts, mit Recht der hebräische» Sprache noch eine» großen Spielraum gewähren; denn, wer religiös unterwiesen wurde, lernte auch diese Sprache kennen. Heute hat sich dieses wesentlich geändert. Schon bei den Älteren beginnt das Verständnis für die hebräische Sprache immer mehr zu weiche»; die Knaben und Mädchen aber, denen man in den höheren Schulen Frankfurts nur in kärglich bemessner Zeit die Grundbegrifie der Religivnslehre beibringeu kan», bleibt größtenteils die Erlernung