Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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221 da seine Stiefel trotzdem vernünftig und dauerhaft waren, Leute nicht viel um feine einsamen, nächtlichen Studien mystischer kniete umarmen so kümmerten sich die und seine tiefsinnige»». Reden. Da traf es sich einmal in einer kalten, weißen, mondhellen Nachts daß einige verspätete Zecher vor dem großen Christusbilde, das sich an der Klosterinaner d:r Dominikaner erhebt, einen Mann fanden, der regungslos im Schn« und die Arme sehnsüchtig ausgebreitet hielt, als wollte er den Gekreuzigte» Erstaunt blieben sie stehen, aber ihr Staunen ward zum Entsetzen, als sie in dem einsamen Beter den frommen Chaim erkannten. Endlich schliche» sie näher, aber er hörte sie nicht in seiner Versunkenheit, und plötzlich begann er z» sprechen und rief mit schluchzender, zitternder Stimme ein 'Gebet in der heilige» Sprache, den Segenssprnch, der dem Wandersmann vorgeschrieben ist, wenn er auf seinem Wege die Sonne aufgehe» sieht. Da übermannte die Lauschenden ri» frommer Zorn, sie warfen sich über das Männchen, prügelten es ganz fürchterlich e durch und pufften es heim. Am uächsten Morgen war eine ungeheure Anfreguvg | in der Gasse, selbst die Lässigsten fanden sich zum Gebet in der Schul' ein,' haÜ'4 aus Frömmigkeit, weil es galt, Gott mit vereinten Kräften anzustehen, den FrevÄ des einzelnen nicht a» der Gesamtheit zu rächen; halb aus Neugier, weil jeder fahren wollte, welche Buße der Rabbi und sein Rat dem Sünder auferlegen werde. | Nach Schluß des Gebetes blieb die Gemeinde versammelt und das Gericht beganar Aber der Sünder fehlte. Die Aufregung und die Prügel hatten das schwache Männchen niedergeworfen. Doch mußte er dabei sein, und so wurden einige Knei entsendet, und die brachten ihn in seinen Kissen herbeigetragen. Es erhob sich ei« großer Lärm, als er durch die Reihen geschleppt wurde, und wer nahe genug stand ertei^terte | fit^ das Herz und spie ihn an. Dann gebot der Rabbi Ruhe und hielt eine lange \ Rede, in welcher jener ewig kalte, ewig dunkle Raum, der nach der Borstellung dieses Volkes die abgeschiedenen Sünder beherbergt, keine geringe Rohst spielte. Dann fragte er den Angeklagten, >vie er sich verantworten könne. Ade»! sei es, da^ß der kranke Man» nicht reden konnte oder nichts zu reden hätte ->-7 er blieb stumlst und schüttelte nur leise das Haupt Das steigerte nur die Entrüst««-» der Rabbi drängte und die anderen spieen. Da richtete sich der kleine Man» Alte lich aus seinen Kissen aus, blickte die Eifernden mit einem stillen, ruhigen Blick a» und sprach eine sehr kurze Rede, nichts als sein gewöhnliches Wort: „Wer weist die Wahrheit?" Man kann denken, ivas darauf folgte. Die Besonnenen mußte» ihn mit ihrem eigenen Leibe schützen, sonst wäre kein weiteres Gericht nötig geniest». Aber sie wahrten den Kranken vor dem Äußerste», und so kam der Rabbi eudliiD dazu, das Urteil zu fällen. Welche Buße an Geld und Gut ihm auferlegt wuri ist mir nicht mehr genau erinnerlich, nur soviel weiß ich: Chaim Lipiner sollte WM und Kind lyssen und nach Jerusalem pilgern und nie wiederkehren. In jeder Gemeinde, am, Wege, sollte er seinen Frevel erzählen und die Leute bitten, ihn tl Füßen zu treten und ihn anzuspeien.