Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I Im ©o: mit der Gelieb ich nun gegang Ich litt fnmer 1868 war ich wieder in Czernowitz und verlobte mich heimlich en. Sie sollte Christin, ich Jude bleiben- Aber in Graz, wohin p», ereilte mich ihr Brief: „Ich bring's doch nicht übers Herz . . sehr, denn sie war mir sehr teuer gewesen. Einen Tag eine Nacht ging ich verstört in meiner Stube aus und ab. Am zweiten Tage lief ich vors Tor hinaus und sank endlich ermattet in einem Wäldchen nieder. Als ich dann heimging, standen plötzlich so klar, wie nur je einer eine Vision gesehen, zwei Gestalten vor mir zwischen denen sich eine ähnliche Geschichte abspielte, wie jene, an der ich mich zu verbluten drohte. Nur Alles gesteigert, der Gegensatz zehnmal schärfer. Ich sah ihre Gesichter, hörte ihre Stimmen, und — diese Gestalten schritten durch die Gassen meines Heimatstädtchens. Ich sah's, als hätte ich es gefiept verlasset!: das Schloß, das Kloster, das Ghetto . . . Ich kam heim, zündete die Lampe an und begann zu schreiben: „Da steht wieder greiftzar lebendig vor mir, das arme, verfallene Landstädtchen ..." und jo weiter, ohne! Besinnen, mit fiebernden Pulsen. Ich schrieb bis in den Helle» Morgen hinein,^ sank dann aufs Sopha hin, lag einige Stunden in bleiernem Schlaf und schrieb dann fort, hastig, mit der seltsamen qualvollen Empfindung: ich müßte es tun, weil mir ein Anderer diktierte, dem ich zu Willen sein müßte. Als das nächste Frührot in meine Stube schien, war ich zu Ende, sank wieder aufs Sopha und schlief bis zum nächsten Morgen. Als ich da erwachte und die Blätter liegen sah, mußt' ich mich zunächst erst besinnen, wie's damit stand, dann schloß ich sie hastig in eine Lade und ging fort. So ist meine erste Ghetto-Novelle entstanden; ich habe sie später „Das Christusbild" genannt." Und nun möge hier noch ein charakteristisches Stück aus Franzos's Schriften folgen: Der geistvolle Schilderer jüdischen Volkslebens führt uns in seinen „Juden von Barnow" auch auf den jüdische» Friedhof, den „guten Ort," und erzählt uns von solchen, diq nicht wert gehalten wurden, daß ihr Grabstein eine Inschrift trug- Einer von diesen war Chain» Lipincr. Von ihm erzählt er : Er »var ein sehr seltsamer Mensch, seines-Zeichens ein Schuster. Die Leute dieses Zeichens haben eine» starken Hang znr Philosophie, der sitzenden Lebensweise »vegen. Auch unser Chaim war ein Philosoph, aber von einem eigenartigen Zuschnitt. Über den Untergrund alles Forschens, den Zweifel, kam er eigentlich nicht hinaus, und sein Lieblingswort war: „Wer weiß die Wahrheit?" Das kleine, blasse Männchen vermochte der Frage nicht auf dem Wege her Spekulation beizukommen und versuchte es daruni auf dem der Erfahrung. den Schwärmern, zu Er ging von einer Sekte zur andere» über, von den „Chassidiin," den ,Mis»agdi»n," den Bibelgläubigen, ivard »vieder Chassid, setzte sich hierauf mit den Karaiten in Verbindung, flüchtete dann zur Fahne des Wunderrabbi von Sndagora, hielt es ein Jahr lang mit den „Aufgeklärten," den Freunden deutscher Bildung, und ward endlich Kabbalist. Das blieb er lange, und