Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1904)
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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219 — Homer es war oder Sophokles rezitierte, so wurde mir feierlich zu Mut. Gottesdienst. Ich darf sagen. Freilich, ob ich ein Priester an diesen Altären werden dürfte, hing nicht allein von mir ab. Es war ei» Studium, das die ganze Kraft in Anspruch nahm ivenn » an was Rechtes werden wollte, und ich ivar arm. Aber Wolf meinte, die Regierung werde wir sicherlich ein Stipendium gewähren; ich konnte neben den Zeugnisse» auch eine Arbeit vorlegen: eine metrische Übersetzung der Ekloge« in die Sprache Theokrit's, den dorischen Dialekt. Nun, ich bekam'S doch .Ihre Eignung steht außer Zweifel", sagte mir der Landeschef, »aber Die Tapfe! Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hätte auch keinen Sinn gehabt, denn ein Lehramt war ja damals durchaus einem Juden unbesten Vergil's nicht. erreichbat Ich sagte sofort Nein- Ich hatte kein Vorurteil gegen Christen und Christentum, wahrlich nicht! Auch war ich damals leidenschaftlich in ein christliches Mädchül verliebt. 'Aber mit der Taufe Handel treiben, das ging nicht. Auf das Stipendium mußte ich also verzichten und damit auch auf die Philologie. Ein Mensch mit Pflichten mußte ein Brotstudium wählen. meinen verständlic Judentum Opfer auf^ meinten, Ist, beschloß also, in Wien Jura zu studieren, und tat's. Das schreibt sich leicht hin,> aber wie viel Schmerz, wie viel schlaflose Nächte zwischen jeder dieser Zeilen stehen, weiß nur, wer selbst je in ähnlicher Lage war. Jndeß — dies Selbstche würde ich nicht ausspreche», wenn es nicht zur Sache gehörte. Mein hatte mich bisher ivenig angegangen, nun legte es mir ein furchtbares den Verzicht auf den Beruf, von dem dam als ich und die Andere» daß er am besten für mich tauge. Derlei wirkt aus de» Menschen verschieden, je »ach seinem Wesen. Der Eine kann das Opfer nicht bringen und läßt sich taufe»; der Andere bringt'? zivar, beginnt aber innerlich sein Judentum als Unglück zu empfinden lind zu hassen; den Dritten aber beginnt das Judentum eben deshalb naher anzngeheii, weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen. Dieletzte war bei mir der Fall Meine Weltanschauung bekam keinerlei konfesfionelle Prägung, »ein deutsches Gefühl verringerte sich nicht im Geringsten, aber das Gefühl, daß ich daneben auch einer anderen Gemeinschaft angehörte, wurde stärker. Es verlor sich auch in Wien nicht ganz. Ich wurde Burscherschafter wie mein Vater, schloß mich aus innigster Überzeugung den Deutsch-Nationalen an, die trotz 1866 den Ausbau des Norddeutschen Bundes zum Deutschen Reich ersehnten, Hielt als einer ihrer Vertreter beim Berliner Burschentag von 1868 eine Rede, die mir nach der Heimkehr nach Wien arge polizeiliche Chikane» eintrug. Kurz, ich fühlte mich nicht blos als Deutscher, sondern handelte darnach.. Aber dazwischen dachte ich zuweilen doch: „So fühlte und handelte auch dein Vater und erfüllte dabei doch auch die Pflicht gegen die Juden".