Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2969669-2969988-2969998--7367-2978051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r- I': s’1' Mit dem heteronomen Moralgesetze aber verhält eS sich wie mit der'Bor stkllung von Gott. In beiden spiegelt sich uns die Menschheit eine- Zeitalter! wieder. Die Menschen ließen — sieht man von jeder übernatürlichen Offenbarung ab — ihren Gott oder ihre Götter nur das als Moralgesetz verkünden, was ihnen selbst als sittliches Er ordernis erschien. ' Aber in diesem jeweiligen sittlichen Erfordernis — eben offenbart sich die jeweilige Entwicklungshöhe eines Volkes. Zweiffellos wa:en die ersten sittlichen Bestimmungen aus den Bedürfniffen des gesellschaftlichen Zusammenlebens heraus entstanden, wie denn auch tatsächlich di« älteren heteronome tt Moralgesetzgebungen nur mehr oder weniger spezialisierte Bestimmungen zum Schutze von Leben, Eigentum u. s. w. enthalten. Als Denkmal dieser Art ist wohl der Codex Hammurabi anzusehen, dessen Berfaffer sich bekanntli h im Epilog in dem Sinne auch ausspricht. Diese primitive an der damaligen Erkenntnisreife gemessene, aber immerhin so zu nennende Sittlichkeit hatte nicht nur ihr treibendes Motiv außerhalb ihrer selbst, im lohnenden oder strafenden Gotte, sondern sie stand auch ganz und gar im Dienste eines außerhalb ihrer selbst gelegenen Zweckes, dem der gesellschaftlichen Ordnung. 1 Damit aber war eine individuelle Veredelung des Menschen eigentlich kaum angebahnt worden, weis, mit dem Zwecke ja auch die Moral fiel und Tugend aus äußeren Gründen diesen Namen überhaupt nicht verdient. Eine solche indi liduelle Veredelung und sittliche Emporentwicklung konnte erst ein Moralgesetz anbahn:», das zwar ebenfalls als Heteronom, als von einem Lohn und Strafe handhabenden Gott gegeben sich hinstellt, in dem aber als göttliche Befehle bereits solche Vorschriften enthalten sind, die keinen anderen Zweck hatten und haben konnten, als den, das Empfinden zu verfeinern, den Menschen sittlich zu veredeln und zu erziehlen bis zu der Erkenntnis der Sittlichkeit als Selbstzweck. Ein solches heteronomes Moralgesetz mußte auf dem Wege naturgemäßer Weiterentwicklung zum autono nen Moralgesetze führen. Dieses entscheidende, die sittliche Emporentwicklung anbahnende Moralgesetz aber ist ein nicht genug zu schätzendes Werk des Judentums. . In diesem erscheint es zuerst ausgesprochen, daß die Sittlichkeit Selbstzweck sei, hier finden sich zuerst eine große Zahl ethischer Vorschriften mit keinem anderen .Zwecke als dem der individuellen sittlichen Veredlung. Daß Sittlichkeit Selbstzweck ist, erscheint z. B. in dem Satze niedergelegt: „Heilig sollet ihr zu werden streben, denn heilig bin ich, der Ewige euer Gott" (Lev. 17, 2). Der Mensch werde heilig, Gott ist heilig. Gott nach jüdisch-religiöser Vorstellung ist nämlich nicht allein der Lehrer des Sittengesetzes, sondern selbst daS Ur- und Vorbild aller sittlichen Vollkommenheit. Diesem Borbilde nachzustreben ist iii äüüüia Nfc« i