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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1904-08-01 · Heft 8 (1.8.1904) · p. Seite 178

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
24 (1904)
Issue
Heft 8 (1.8.1904)
Date
1904-08-01
Page
Seite 178 (sequence 12)
Language
German
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9 -vij -. 178 Viele, viele Näeste verbrachte ich schlaflos. Ich weinte nnd schluchzte in mich hinein. Wem sollte ich meine Qualen klage» V D^e Gendarmen ermutigten mich immer: „Moritz, du bist ein rechtschaffener Knabe, d« bist der einzige ehrliche Jude auf der ganze» Welt, die anderen sind alle Halunken." Immer spöttelten sie über die Jude», schimpften, fluchten und schmähten sie. Am 23. August kam ich zur „Erziehung" zum Schloßhanptmann Henter. Dort behandelte inan. mich gut. Henter und seine Fansilie waren zärtlich gegen mich und überschütteten mich mit Schmeicheleien, gaben »sir alles Gute. Anfangs verlangte ich koschere Speisen. Man ließ mir von eiuenjt jüdischen Wirt namens Röchlitz das Essen holen. Aber nachher »nachte »nan mir Angst: „Moritz, du wirst sehe»», die Juden werden dein Essen vergiften." Einmal kam mir das Essen ver» dächtiA vor, seitdem getraute ich mich nicht mehr, von den Nöchlitz'schen Speisen zu^rssen. Eine Zeit lang lebte ich von Wasser »md Brvt, doch konnte ich dies lucht lange vertragen. Heisters ermutigten mich, doch von ihren Speisen zu essen. Nach lange»» Zaudern versuchte ich es einmal. Es schmeckte mir. Seitdem speiste ich bei ihnen. Es kamen die Herbstfeiertage. Roschhaschono wollte ich in den Tempel gehen. Die religiöse Erziehung hat starke Wurzeln. Obergespann Zaltan ließ mich rufen, er erlaubte mir, in die Synagoge zu gehen, machte »nich aber darauf aufmerksam, wich in acht zu nehmen!, da die Inden Racke gegen mich geschivoren hätten und mich umznbringe» trachten Ich blieb zu Hause, erbat mir ein Gebetbllch und betete. Langsam blieb auch das Beten a»rs, auch Zitzith zog ich keine mehr an. Bei Henters wurde ich ganz verwandelt. Jmmerzn hörte ich die Jude» schmähen, der Schloßhauptniann witzelte satyrisch über die Juden und suchte mich immer als einen hinzustek en der mit diesen elenden Geschöpfen gar nichts ähnliches habe. Ich werde noch eil großer Herr werden sagte er — nicht so ei» schundiger, zerlumpter Jude mit „Peyes". Ich hatte ein leichtes Lebe», sorgenlos und muiiter. Aber doch sehr oft erwachte in mir das Gen issen. Ich wollte hervortreten und in die Welt schreien: „Alles, alles ist Lüge uni) Trug " Aber als ich versuche» wollte, in diesem Sinne zu sprechen, traf mich, der strenge, strafende Blick Henters und das Wort blieb mir in der Kehle stecken. Schließlich ivurde ich im ganzen ihre Kreatur. Was sie mir vorsagten, wiederholte ich Ich wiederholte es einmal, zweimal, hundertmal nnd nachdem sing ich selbst an, daran zu glauben. Und dann — dann kam die Schlußverhandlung. Zuvor mußte ich bei Henters eine harte Probe bestehen. Man verhörte mich, verwickelte mich in Kreuz» fragen, überraschte niich mit plötzliche» Wendungen und allerlei unerwarteten Frage». Ich beantwortete alles. Was ich nicht ivußte, hatte ich gelernt. Als ich zur Verhandlung kam, war ich si präpariert, daß ich in meiner Wissenschaft die Reifeprüfung hätte bestehen körnen. HttÜNÜI

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