Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 152 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2969669-2969988-2969996--7311-2977993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die Fesseln der Arbeit Weite Strecken sichtig den Kelch der kleinen Blume, und seine großen Aueen senkt er. tief hinein in das unerschlossene Geheimnis!, ein schönheitsvolles Symbol ewigenForschens und Fragens. Daneben war ein anderer Menschheitsrepräsentart dargestellt. Ein Arbeiter, stiernackig, robust, vom Tagewerk ermüdet, umgesunken niit gelösten Gliedern. Und man sieht das Leben dieses Mannes: Arbeiten bis zum Umfallen in schlaftrunkener Ermattung, erwachen, nieder arbeiten, und wieder schlafen. Das sind die beiden großen Typen des Menschentums: der vom Forschergeist Verklärte nnd der durch Beschwerte. der Geschichte gehen die beiden getrennte Wege: der Gedankenschöpfer und der Erdarbeiter. Selten sind die Szenen und darum uin so ergreifender, da der Heeos der Erkenntnis sich herniederbeugt zu seinem vou der Last der Frohn niedergedrückten Bruder, teilnahmevoll, ruitleidig, um ihn zu erheben und zu Ftlösxn. An sclchen Ausblick zu den Firnen her Menschenliebe, zu den Gipstln idealer Gesinnung führt die folgende Betrachtung der Essäer und ihres Modernen Spätlings, des Grafen Leo Tolstoi. Geheimnisvoll r nd dunkel ist Name und Ursprung der Sekte. Sie heißen und sind die Sanften r nd Stillen, die Sehnenden nnd Sinnenden. Epigonen der Prophetenanhänger, die den Reichtum haßten nnd die Arinut verherrlichten, die Erde verachteten und den Himmel begehrten, hatten sie sich um die Zeit der hellenistischen Wirren i» Palästina, also etwa im zweiten vorchristlichen Jahrhundert, zu einem Mönchorden in der Oa e Engedi zusammengeschlossen. Und wie der pietistische Kreis, der sich in Verehrung rm die altisraelitischen Gottesmänner gebildet hatte, herausstrebte aus der zeitgenr ssichen Kultur zu der früheren beduinischen Lebensweise, so haben ihre cssäischen Nrchfahren und Gtzisteserben unter dem Firnis der eindringenden hellenischen Gesittung die sittliche Fäulnis erkannt und dftr kühnen Entschluß gefaßt, an einer Umgestaltung der Lebens- und Gesellschaftsfornjen nach den Normen ihrer sittlichen Ideale zu arl eiten. Endlich sollte sich die alte Losung vom Sinai verwirklichen: Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk Jy weißen Linnengewändern, ihren Ordensklcidcrn. versinnbildlichten sic diesen Gedanken des allgemeinen Pricsterstandes jedes gottverehi enden Menschen, und in dem täglichen Quellbad bei Sonnenaufgang sahen sie ein Gleichnis der ethischen Läuterung der Heele, der sie nachtrachteten. „Zähe Znendedenker" nnd moraliche Radikale, wollten sie den Menschen aus den Banden der sinnlichen Triebe gänzlich befreien und an die Stelle der Ehe eine Seelenfreundschaft zwisihen Mann und Weib treten lasse». Nur durch Umkehr und Einkehr, durch Selbstbesinnung und Lebensheiligung, durch die völlige Verjüngung und Neugeburt könne sich j der herrliche Traum der Propheten vom kommenden Himmelreich auf Erden verwirklichen. Die Gottesherrschaft hienieden wollen sie begründen, nicht durch äußerliche Geberden sondern durch innere Umwandlung, durch Herbeiführung einer Gesellschaftsordnung, die in allen Stücken - trtftifii Irülflftii MM