Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWM^WWfWWff — 125 — ^gjju.^ynu.'- ngn| i daß diese Frage höchst aktuell ist. Sollen oder müssen wir Juden, die wir ja genug mit dem rückfälligen Teil der Menschheit zu kämpfen haben, uns auch noch in den im Ganzen und Großen aussichtslosen Kampf gegen die höchst entwickelten, im Zeichen der Wissenschaft stehenden Menschen begeben? Für unsere Religion habe» wir selbst das Schwerste vollbracht und können und werden zweifellos es auch weiter tun, aber, und das ist der Kardinalpnnkt der Frage, besteht ein prinzipieller Gegensatz zwischen dem Judentum und der Entwicklungslehre? Man kann mit einein ganz bestimmten „Nein" antworten. Der gesunde und ewig wahre Kern des Judentums steht dem wirklich feststehenden Kern der Entwicklungslehre durchaus nicht feindlich gegenüber Der Kern der Deszedenz» theorie lehrt die Entwicklung als Naturgesetz, und das Judentum stellt das erprobteste Mittel der Entwicklung der Menschheit dar. Was die Menschen gedacht in früheren Jahrhunderten, weiß Gott. Was Lamarck aufgebaut, Darwin begründet, Haeckel ausgebaut und in seinen« „Welträtsel" populär machte, hat unser Moses vor Jahrtausenden unter einem großen Teil der damaligen Menschheit erfolgreich angebahnt: - Direkte, sittliche und geistige Entivicklung der Menschheit. Unklare und verschivoinmene Hypothese» freilich habe» allerdings vorläusig keinen Anspruch ans unsere unbedingte Zustimmung, doch hören «vir einmal über diesen Punkt einen unserer tiefsten Denker und besten Juden. Mein unvergeßlicher Lehrer LazaruS, der «neines Wissens niemals öffentlich zu Hacckci's „Welträtsel" Stellung genommen hat, schrieb mir darüber anfangs 1902, als ich dein nun verewigten großen Mann gegenüber bemerkte, daß eben jetzt, angesichts der alle positive Religion zersetzenden philosophischen Reflexionen sein großes und inhaltsvolles Werk, das früher zu «venig gewürdigt «vurde, an Aktualität geivinnen «verde, ja sich geradezu als eine rettende Tat für das Judentum darstellte, folgendes: „Ich begreife sehr wohl, daß Sie nach neuerlichem naturwiffenschaftlichen Studium von der „Ethik" mit besonderer Begeisterung sprechen- Bildet sie doch das Festland gegenüber dein Meer... aber die Religio» und Theologie braucht' die Flinte nicht in das Korn zu werfen vor so flachen Bemerkungen wie Haeckel sie macht. Alle, Achtung vor der Tat des Naturforschers, ob«vohl selbst bei ihm immer noch die tatsächliche Beobachtung von der beobachteten Tatsache sich unterscheidet." Das war^ ein geistreiches und zutreffendes Unterscheiden von Lazarus Er gibt ein Beispielt Man sagt, die Sonne geht auf oder unter. Dies ist nur eine tatsächliche Beobachtung, aber keine beobachtete Tatsache. Diese geistreiche Unterscheidung bildet zugleich einen sehr schätzensivcrtcn Maßstab dafür, wie weit der modernen Natursorschuiig Gefolgeschaft geleistet «verde» kann. Haeckel's höchstgewagte philosophische Reflexionen haben nur sehr spärlichen Anklang gefunden und wären besser unterblieben. Aber der wirklich feststehende Teil ist dem Judentum, als innerhalb der E>«t«vicklungsgeschichte stehend, durchaus nicht widersprechend. Kein Buchstabe der jüdische» Literatur einschließlich der Bibel, kein wesentlicher Lehrsaht