Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1904)
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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werfung unter andere Glaubensgesetze als das von dem einig-einzigen Gott geleitet, niemals ihnen die Befolgung der Zeremonieen, die Übung religiöser Gebräuche zur Pflicht gemacht, die lediglich durch die Jahrhunderte geheiligt sind, die ihren Wert für die wahre Gotteserkenntnis und die reine Sittlichkeit aber längst eingebüßt haben. Andererseits haben sie ihre Zöglinge in die Pflichten eingeweiht, die für den Menschen, der Gott erkannt hat, erwachsen, und die jeder, auch der Ärmste und Geringste, erfüllen kann — das ganze Leben in den Dienst der Ideale zu stelle», nach sittlicher Vollkommenheit, nach Heiligkeit zu streben: „Heilig sollt ihr fein; denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!" In ihrem Unterricht haben sie den Schülern gezeigt, daß an diesem idealen Ringen und Streben Religion und wahre Wissenschaft teilnehmen, daß bei solcher Auffassung der angeblich unüberbrückbare Gegensatz zwischen religiöser und wissenschaftlicher Weltanschauung nicht besteht; hier haben sie ihre- Schüler mit der Mission vertrant gemacht, die Gotteserkenntnis, die ihnen als köstliches Erbe von den Ahnen überkommen ist in unerschütterlicher Treue zu bewahren und dem künftigen Geschlecht zu überliefern, damit einst die gesamte Menschheit mit diesem Segen beglückt werde und geeint sei in den Grundwahrheiten der Einheit Gottes und des Menschengeschlechts und in den sittlichen Prinzipien; hier haben sie ihre Zöglinge mit der hoffnungsreichen Zuversicht erfüllt, daß sich diese Einigung vollziehen wird, daß sich schon „imnier deutlicher eine Annäherung an die Ziel«, die dem Judentum auf seiner geschichtlichen Bahn zu allen Zeiten vorgeschwebt haben — trotz zeitweiliger Rückschritte — vollzieht." Eine gleiche Ausgestaltung und Vertiefung tute die religiösen erfuhren ' int Laufe der Zeit die politischen Ideen; die Aiischanuiig von Vaterland und den Pflichten und Rechten der Bürger des Staates tritt in der Schule vor allem, wie erwähnt, im Geschichts- und deutschen Unterricht zu Tage. Zn welcher Auffassung von Heimat und Vaterland mußten die Begrüirder der Anstalt, wenn sie einen Blick in die Vergangenheit warfen, gelangen? Als fremde, von der europäischen Kultur abgeschlossene Nation hatten ihre Glaubensgenossen Jahrhunderte hindurch in Deutschland geweilt, Religionshaß, Verfolgung und Verhöhnung hatte in ihnen das Bewußtsein von der Zugehörigkeit zum Vaterland, das Heimatsgefühl, das in der ersten Hälfte des Mittelalters nrächtig in ihrer Brust gewogt, schwinden laffen. Da erschien die Sonne der Aufklärung am Horizont der Welt; sie drang bei ihrem Zenithstand auch in die eng aneinander gedrängten, dumpfen Häuser des Ghetto und brachte seinen geknechteten, von Druck und Elend gekrümmten Bewohnern die Frühlingshoffnung einer neuen, glücklicheren Zeit. Mit lautem Jubel vernahmen sie das Wort von der wesentlichen Gleichheit der menschlicheu Natur, von den Zufälligkeiten der historischen Bildungen, die abgestreift iverden müssen, damit das Wirkliche, Natürliche und Vernünftige zur friedlichen Herrschaft gelangen könne. Zu diesen Zufälligkeiten gehören nach dem Ausspruch der Wortführer der neuen Bewegung auch die nationalen Unterschiede; die fortschreitende Bildung setzt an ihre