Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1904)
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tuerbeni Hinweg mit dem hohlen Gebäu vergangener Zeiten, den Unterscheidungen nach Stand und Religion. Vernunft und Bildung lassen die Menschen als Gleiche, als Brüder erscheinen, die alle von dem einen Streben erfüllt sind, einen Jeden;,unt höchsten Glücke zu führen, ihn zum Abbild der göttlichen Allvernunft zu gestalten. Im Nahmen der Schule wurden durch diese Ideen besondersdie sog. Gesinnungsfächer, der Neligivns- und geschichtliche, wie der deutsche Unterricht beeinflußt und erhielten durch sie ihre charakteristische Prägung. Der Religionsunterricht wiederspricht nach der Ansicht der Begründer und ersten Lehrer der Anstalt geradezu seinem Zwecke, wenn in ihm die konfessionellen Unterschiede, die nur die Menschen trennen und verfeinden, den Kindern nahe gebracht werden. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" Diese Frage Nathans gibt die Grnndstimmung an. von der ans religiöse Fragen im Unterricht zu behandeln sind. Im 2. Jahresbericht, der von unserer Anstalt erscheint, hallt diese Stimmung in den Worten des Oberlehres Dr. Molitor, eines Katholiken,, wieder: „Mannigfaltig sind die Vorstellungen der Menschen über ihr Verhältnis zu dem ewigen Ur. Aber itt den Hauptstncken kommen sie doch allen überein. Es gibt nur eine einzige Menschheit, die sich in viele Nationen spaltet, von denen eine jede die andere für ihre Bruder halten wird. Sv gibt es auch nur eine einzige Religion, und was wir Religion nennen, sind nur Formen dieser einen Religion. Nur eine Menschheit, aber viele Nationen, nur eine Religion, aber viele Glauben!" — Das Kind wird ans dieser Anschauung heraus nur in dieser einen Religion in dem sog. Moralunterricht unterwiesen; erst in der Oberstufe wird ihm der ge- - offenbarte, der jüdische Glaube nahegebracht, und auch hier nur in gelegentlichen -j Exkursen bei der Behandlung der jüdischen Geschichte. Welch' gewaltige Umwälzung in der Denk- und Anschauungsweise der ehemaligell Ghettobewohner! Noch wenige; Jahre vorher war ihr ganzes Denken und Sein eingeengt in der Beobachtung der Zeremonialgebote, die das Leben bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmten — ) nun sind sie unvermittelt in eine Sphäre getreten, die die positive Religion nur * streicht! Am liebsten möchte ja auch Heß den Namen „Rcligionslehre" aus dem 1 Lehrplan der Schule gestrichelt sehen, er fühlt selbst, daß eine derartige Unterweisung zu einer Einführung in die religiöse Gemeillschast wenig geeignet sei. — Mit der veränderten Anschauung vvn der Religion muß naturgemäß auch der herkömmliche! Gottesdienst von Grund >ms umgeftaltet werden. An die Stelle der traditionellen l hebräischen Liturgie tritt in der Andachtsstnnde, die seit 1811 am Sonntage jedesmal vor Eröffnung der Schule abgedalten wird, denncher Gesang in Begleitung J der Orgel, an die Stelle der Rede des Rabbiners, die sich damals um die Er- *1 läuternng und Auslegung eines biblischen oder talmndischen Schriftsatzes bewegte, J eine Ansprache über einen moralischen Gegenstand, „den gerade Gelegenheit und |