Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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8b MlonatssHau Imanuel Kant, den großen Philosophen, dessen 100 jähriger Todestag am 12 Februar als Gedenkfeier begangen wurde, haben die Antisemiten zu ihrem Gesinnungs. genossen stempeln wollen, weil seine 1798 erschienene „Anthropologie" gegen den Wucher und den Kaufmannsgeist der Juden eifert (s. Antis.-Katech. 1893. S. 4b). Und do!ch scheidet gerade die Kantische Philosophie jedes religiöse und staatliche Vorurteil im Namen des Rechts aus. Kant sagt („Zum ewige» Frieden"): „Die Nächstenliebe und die Achtung fürs Recht der Menschen ist Pflicht; jene aber nur bedingte, diese dagegen unbedingte, schlechthin gebietende Pflicht, welche nicht übertreten zu haben derjenige zuerst völlig versichert sein muß, der sich dem süßen Gefühl des Wvhltuns überlassen will." Er weiß, daß der Kern aller Religionen die Moral ist. daß sie alle eine Moral besitzen (Zum eisigen Frieden): „Verschiedenheit der Religionen: ein wunderlicher Ausdruck! gerade als ob man auch von verschiedenen Moralen spräche. Es kann wohl verschiedene Glaubensarten historischer, nicht in die Religion, sondern in die Geschichte der zu ihrer Beförderung gebrauchten ins Feld der Gelehrsamkeit einschlagender Mittel und ebenso verschiedene Religionsbücher (Zendafesta, Vedam, Koran u. s. w.) geben, aber nur eine einzige, für alle Menschen und in allen Zeiten gültige Religion. Jene also können wohl nichts anderes als nur das Vehikel der Religion, was zufällig ist, und nach Verschiedenheit der Zeiten und Sekten verschieden sein kan», enthalten." Die Gleichberechtigung aller Untertanen ist für ihn ein Gebot: „Aus der Idee der Gleichheit der Menschen im gemeinen Wesen als Untertanen geht die Formel hervor: Jedes Glied desselben muß zu jeder Stufe eines Standes in demselben gelangen dürfen, wozu ihn sein Talent, sein Fleiß und sein Glück hinbringen können, und es dürren ihm seine Mituntertanen durch ein erbliches Vorrecht, als Privilegiaten für eine» gewissen Stand, nicht im Wege stehen, um ihn und seine Nachkommen ewig niederzuhalten". (Werke Bo. VH. S. 197). Derselbe Mann, den die Antisemiten für sich reklamieren, schrieb an Moses Mendelssohn über dessen Buch „Jerusalem": „Es ist nur ein Mendelssohn. — Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer großen, ob zwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr nicht zugetrant hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann". — Jüngst erschien Nr. 61 der „Mitteilungen" vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde, die wiederum mehrere interessante! Tatsachen zu erwähnen hat. Das preußische Ministerium des Innern empfiehlt amtlich die Fürsorge und Erziehungs-Anstalt des genannten Bundes in Ptötzensee für israelitische Mädchen den Provinzial- und Kommnnalbehördev behufs Unterbringung entsprechender Fürsorge Zöglinge. Damit hat auch die zweite der von dem Gemeindebunde ressortierenden Anstalten den Rang einer von der höchsten