Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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>ß einst unser Geist und unsere Seele von der Herrschaft der Sinne befreit, Gott unmittelbar, ohne Hülfe der Formen, welche die Israeliten wegen' ihres heidnischen Sinnes fiir nötig halten, erkennen und verehren, und daß unsere fehlerhaften Neigungen keine Scheidewand mehr zwischen uns und unserem himmlischen Vater bilden werden. Die Annäherung einer so schönen Zeit bildet den Hauptinhalt unsrer Gebete, und jedem frommen Israeliten schlägt das Herz von seliger Freude, wenn er sich erinnert, daß Gott sie uns so oft durch seine Propheten! verheißen; es ist aber ein Gesetz der Natur oder besser, ein Gesetz, dem Gott dem Entwickelungsgang aller erschaffenen Dinge unterworfen hat, daß nie ein Übergang von einem Zustande zum andern plötzlich erfolgt. Jede Berbefser- »ng unserer Lage, die unvorbereitet kommt, ist wie die Geschichte der Menschen und der leblosen Schöpfung lehrt, mit Gefahren verbunden,- darum sagt auch der Prophet: Wem kann man Kenntnisse lehren, und wem kann man die Wahrheit verständlich machen? Den kaum Entwöhnten, denen man xrst die Brust entzogen. Alles kommt darauf an. daß unsere Jugend in den frühesten Jahren mit dem wahren Geiste unserer Religion bekannt gemacht werde und daß sie erfahre, was Gon eigentlich von uns verlangt, daß wir ihn verehren, lieben, ihm gehorchen und ihn anbrten, und daß wir heilig sein, wie er heilig ist, d. h., daß wir durch den frommen Geist, der uns beseelt, unsere sinnliche» Empfindungen und anfere leiblichen veredlen, nicht aber, daß wir umgekehrt unser bessere- Selbst durch grobe Sinnlichkeit, welche selbst in gottesdienstlichen Handlungen vorherrschen kann, zur tierischen Natur herabziehen. Fürchtet Ihr aber, wie so viele zu fürchten scheinen, daß Eure Kinder, wenn Ihr ihnen unsere Religion in ihrer wahren Gestalt zeiget, weiter gehn möchten, als Ihr es wünschet, daß sie etwa über dem Zwecke ganz die Mittel vergessen und die Religion der ihr nötigen äußeren Stützen entblößen möchten, glaubt Ihr deshalb, daß es gut sei mit ihnen bei der Oberfläche stehen zu bleiben und ihnen nur die Formen zu zeigen, ohne sie mit ihrer Bedeutung bekannt zu machen, wünschet Ihr, daß man auch forthin wie so lange Zeit geschehen, mit den Lippen lalle und sich mit den Gliedern gebärde, ohne etwas dabei zu denken, so gibt es nur ein einziges Mittel, ein solches Streben gedeihen zu machen; es ist Unwissenheit. Das Reich des Lichtes und das Reich der Finsternis können nimmermehr neben einander bestehen. Ein einziges vernünftige 8 Buch, das ein Jüngling liest, zerstört die Frucht zwanzigjährigrr Bemühungen. ihn in den Fesseln der Vernunft und des Aberglaubens zu erhalten. Eine einzige freimütige Unterhaltung, der er stillschweigend beiwohnt, ist hinreichend, ihm alles, was er früher gehört, verdächtig zu machen, und ihm gegen das Heiligst« Mißtrauen einzuflößen. Daher die häufigen Übergänge von der ängstlichsten Werkheiligkeit zum zügellosesten Unglauben. Ihr, die Ihr bemüht seitdem Geiste des Jahrhundertes zum Trotz, unsere Jugend wieder znm schmachvollen, oerwahrlosten Zustand zurückzuführen, wo sie vor nicht geraumer Zeit war.