Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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r - 61 — Schöpfers entspreche», sind ohnedies außer dem Bereiche des Fassungsvermögens des Menschen, der, wie der Herr selbst zu Moses gesagt, so lange er auf Erden lebt, ihn nicht schauen kann. Wenn wir von den hohen, uns nahe liegenden Wahrheiten durchdrungen sind, daß der alleinige Gott mit seiner unbegrenzten Macht, Weisheit und Güte über das Heil der Menschen und aller übrigen Geschöpfe wacht, und lalle irdischen Angelegenheiten nach den Ratschlüssen seines Willens lenkt, so wissen wir Alles, was nötig ist, um fromme Gesinnungen in uns zu beleben und uns zu einem tugendhaften Leben anzufeuern. Der Gottheit in's Auge schauen vermochte ja Moses selbst nicht, selbst ihm, dem größten aller Propheten, offenbarte sich die Gottheit nicht, wie sie ist, sondern nach welchen Grundsätzen sie die Sterblichen beherrscht Es ist daher sicher, daß, wenn blos eine irrige Vorstellung die Israeliten zu ihrer Sünde verleitet hätte, Gott es bei einer väterlichen Zurechtweisung hätte bewenden lassen, ohne ihnen einen Augenblick mit dem gänzlichen Verluste seiner Gnade zu drohen; aber ihr strafbares Unternehmen ging aus einer weit verderblicheren Quelle hervor. I» der Schule der ägyptischen Geistesfinsternis erzogen, war ihnen die am Berge Sinai offenbarte Religion zu rein und di? Abwesenheit alles sinnlichen Priesterdienstes behagte nicht ihrer ganz in den Banden der Sinnenwelt befangenen Seele. Sie wollten auf nichts ganz verzichten, chas sie in den Zeiten der körperlichen und geistigen Sklaverei vor sich gesehen, sie einer wollten auch ihre Orakel, um in die Zukunft zu sehen, und ihre Wundermänner, um die Zukunft zu bearbeiten. Gott gab ihnen Alles, obgleich in durch seinen Willen geheiligten Form, und so verloren sie, wie sich die Schrift ausdrückt, ihren Schmuck, den sie am Berge Horeb angelegt und kehrten wieder zu einem Standpunkte zurück, der nur dadurch besser war, als der auwelchem sie durch so unbegreifliche Wunder errettet wurde, daß Gott in ihrer Mitte blieb und sie mit langsamen Schritte dahin lenkte, wohin sie an einem einzigen Tage hätten gelangen können. Wie glücklich könnten wir uns preisen» wenn wir nach dreitausendjährigen Leiden wieder dahin zurückgekommen wären, wo uns unser Beruf am Qffenbarungstage hinstellte! Ist es bereits unseren Bemühungen und denen unserer Vorfahren gelungen, dieses schöne Ziel zu errreichen? bilden wir heutzutage «ine Gemeinde, die den Allvater im Geiste und in der Wahrheit anbetet? sind wir ganz einfach mit unserm Gotte, wie es der Jsraelite sein soll? Ist es uns gelungen, unfern Leib und unsere Sinne durch Tugend und Frömmigkeit, durch Tätigkeit der Vernunft und Aufklärung zu heiligen und zu veredeln oder haben wir nicht vielmehr wie die, welche das goldene Kalb verfertigt, das Heiligtum »er Religion durch allerlei Unsorme», eine Ausgeburt verwilderter Sinnlichkeit verunstaltet? Alle diese Fragen drängen sich dem Israeliten, welcher seine Religion aufrichtig liebt, bei der Erinnerung jenes traurigen Ereignisses auf, und wer sich nicht absichtlich täuschen will, muß gestehen, daß wir noch weit-ent* fernt sind, unfern Schmuck vom Berge Horeb wieder angelegt zu haben. ■ Wir