Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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geweckt; und wenn auch — 58 — «iUWKMI BfW* die Ablegung eines Glaubensgelübdes, von dem das Judentum nichts, weiß, vermieden wurde, so war doch dieser Moment besonders geeignet, in den Herzen der Jünglinge und Mädchen den Borsatz der unverbrüchlichen Treue für die Religion wach zu rufen, in deren. Gemeinschaft sie mit diesem Moment gewissermaßen selbstbewußt und freiwillig eintraten. Die Teilnahme für diese, anfangs im engeren Familenkreife, später gemeinsam und öffentlich abgehaltene Feier 'war allgemein und die Wirkung auf die Gemüter eine unverkennbare. J Noch bedeutsamer für die religiöse Entwicklung der Gemeinde im Geiste .eines zeitgemäßen Fortschritts war die schon im Jahre 1815 für die Schüler und .Schülerinnen der Anstalt < ingerichtete Andachtstunde. Diese bestand einfach dariv, daß, anfangs an jedem zn eiten, später an jedem Sabbath vor den versammelten Zöglinge» der Anstalt abwechselnd von dem Oberlehrer und anderen Lehrern ein erbaulicher Vortrag sittlich religiösen Inhalts gehalten und die Feier durch einen gemeinsamen Choralgesang eingeleitet und geschlossen ward. Das Bedeutsame dieser Feier bestand darin, daß dieselbe für die Schuljugend die Teilnahme an dem sabbathlichen Gottesdienst in )er Gemeinde-Synagoge vertrat; denn dieser ward zur Zeit noch ganz nach dem »ltkn Ritus und ohne Predigt abgehalten, und entbehrte aller Würde und daher alles Eindrucks auf die jugendliche» Gemüter, so daß er in dem jüngern, einer höher» Bildung zustrebenden Geschlecht die Achtung und Anhänglichkeit für die väterliche Religion eher zu tuckern als zu befestigen geeigl^t war- Das Bedürfnis nach einen würdigere», den religiösen Anschauungen der Zeit entsprechenderen Gottesdienst vurde allgemein gefühlt, konnte aber den Forderungen derer gegenüber, die an dem Hergebrachten starr festhielten, in der Synagoge nicht befriedigt werden; und die Folge davon war, daß die Gebildeten in der Gemeinde dem öffentlichen Gottesdienste ganz entfremdet wurden. Die Schule durfte auf ihrem Gebiet den ersten Schritt tun, uni den Weg zu der allgemein gewünschten Reform zu zeigen und zu bahne». Und diese Reform war eine radikale, bis zu der selbst jetzt noch wenige Gemeinden in ihrem Synagogengottesdienst vorgeschritten sind. Denn hier war schon die ausschließliche Herrschaft der deutschen Muttersprache, die belehrende unb erbauende Predigt als Hauptelement an Stelle der massenhaften hebräischen Gebetsformeln, der geordnete Gesang mit Orgelbegleitung und selbst das unbedeckte Haupt, als der Sitte der Zeit und des Landes entsprechend, tatsächlich eingeführt, und überdies durch Festhalten an äußerer Ordnung und Würde alles störende und mißtönende Element entfernt worden. Der Erfolg dieser Einrichtung ivar ein so bedeutender, daß bald auch die Eltern der Kinder und andere Mitglieder der Gemeinde den Wunsch aussprachen, dieser Andachtstunde beizun ohnen, in welche außer der Predigt und dem Choralgesang nun noch einige deutsche Gebete eingelegt waren. Es wurde daher im Jahre 1828 im großen Hosraume des Schullokals für diesen Gottesdienst ein eigner Saal erbaut, der, außer den Schülern, mehrere hundert Erwachsene beiderlei Geschlechts