Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969988-2969992--7198-2977876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
521 er selbst wohl kaum anzugeben wissen, wenn er noch lebte. Doch mochte er sich wvhl schon eine gewisse Sicherheit im mündlichen und schriftlichen deutschen Ausdruck angeeignet, die mathematischen Kenntnisse, zu denen der Talmud und einige spätere Schriftsteller mannigfache Anregung geben; unb für welche man bei de» Juden häufig eine hervorragende A »läge findet, durch Selbststudium erweitert, und, ich weiß nicht auf welchem Wege, sich einige Kenntnis der französischen Sprache und insbesondere v die Bekanntschaft mit Rousseau und Voltaire erworben haben, von welchem letzteren - besonders er bis zu seinem Lebensende ein begeisterter Bewunderer war. Jedenfalls müssen seine Kenntnisse zur Zeit als bedeutend erschienen sein; denn er wurde sehr ' bald zum Lehrer des jüngste it Sohnes in dein damals schon hochangesehenen Hause der Herrn Meyer A. von Rothschild, berufen. In dieser Stellung verblieb er etwa - .zwei Jahre, und gewiß ist diese Zeit eine der wichtigsten Epochen seiner Selbst- F bildung für seinen künftige» Beruf geworden. Denn wie sein ganzes Leben ein mit h dem wachsenden Umfang seinei Bernfspflicht immer gleichmäßig fortschreitender Bildungs- ' Prozeß seines eigenen Geistes war, so mochte er hier bei der an ihn herantretenden Pflicht zu lehren mehr als je die Notwendigkeit und das Bedürfnis des Lernens fühlen. Seinem unermüdliche» Eifer, seiner überaus leichten Fassungskraft und seinem glücklichen Gedächtnis gelang daher bald, sich umfassende Kenntnisse in den Naturwissenschaften, die er überaus liebte, vielseitige Bekanntschaft mit der deutschen und französischen Literatur und durch Lektüre der Mendelsohn'scheu und Locke'schen Schriften sowie der französischen Eneyklopädisten eine reiche philosophische Bildung anzueignen. Dabei machte «r sich ohne Zweifel auch schon mit den pädagogischen Bestrebungen jener Zeit bekannt und raffte überhaupt nach Art der Autodidakten Kenntnisse zusammen, wo sich ihm immer Gelegenheit dazu darbot. Und wenn auch in dem so gewonnenen Material kein organischer Zusammenhang und keine gevrd- - nete Stufenfolge vorhanden var, so wußte er doch diesen gesamten Bildnugsstoff zu seinem geistigen Eigentum zu machen und ihn, wo sich ihm die Gelegenheit dazu bot, in geeigneter Weise tu verwende» und zu verwerten. So lebte er in liebenswürdiger Gemütlichkeit und in ungeschwächter geistiger Regsamkeit, immer noch nach neuem Wissen strebend und an allen Vorgängen der Kkeschichte und Wissenschaft teilnehmend, bis wenige Tage vor seinem Tode, der nach kurzem Krankenlager am 26. Februar 1860 erfolgte, nachdem er fast sein 78stes Lebensjahr zurückgelegt hatt:. An seinem Krankenlager wachte allnächtlich einer oder der andere Lehrer der Anstalt, die es sich nicht nehmen ließen, der treu hingebenden Gattin und der zufällig aus Amerika anwesenden liebreichen Tochter diesen Beistand, und ihrem geehrten Führer noch hier und da 'einen Dienst zu leisten. Sie konnten die Stnnde seines Todes nicht aufhalten. Sein Leichenbegängnis legte sprechendes Zeugnis von der hohen und allgemeinen Verthrung und Liebe ab. die er sich erworben- Nach wenigen Monaten wurde ihm von seinen ehemaligen Schülern im Schulhof ein Denkmal gesetzt, damit an der Stätte seines Wirkens auch die Er-