Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1904)
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Ausfluß seiner ununterbrochenen fortschreitenden Selbstentwicklung; eine Stätte, des Lernens und des LehrenS zugleich, denn in ihm war Empfangen und Geben, Aufnehmen und Mitteilen in steter Wechselwirkung miteinander verbunden; nicht eine gewordene Stätte, an die er zu einem gegebenen und abgegrenzten Wirken eintreten sollte, sondern eine werdende, die mit ihm und ans ihm erst emporwachsen mußte; eine Stätte des Wirkens auf einem Boden, der, in seiner Tiefe reiche Frucht verheißend, doch erst von dem aufgehäuften Geröll eines alten Druckes und von dem tiefwurzelnden Unkraut ererbten Vorurteils befreit werden mußte, um ihn für die Saat urbar zu machen, aus welcher der Geist einer neuen Zeit und eines neuen Lebens hervorsprossen sollte. Heß wurde am 9. April 1782 zu Stadt Lengsfeld im Weimarischen geboren und verlebte daselbst seine Jugend in unverkürzter Übung der talmudischen Religionsschriften und in einer Bildungssphäre, die sich noch durchaus auf dem Boden des mittelalterlichen Judentums und der ausschließlich jüdischen Erziehung bewegte. Seine Eltern und seine Neigung für höheres Wissen bestimmten ihn für den Rabbinerstand, und nachdem er sich frühzeitig mit dem Talmudstudium beschäftigt hatte, begab er sich behufs seiner weiteren Ausbildung für seinen künftigen Beruf nach Fürth, das in jener Zeit als eine besondere ausgezeichnete Schule für das strenge Talmudstudium galt; denn dies allein war es, dessen der künftige Rabbiner für die Übung seines Berufs bedurfte. Mehrere Jahre brachte er hier mit diesem einseitigen und anstrengenden, den ganzen Menschen absorbierenden Studiunl zu. das zahlreiche und zum Teil hochbegabte Jünglinge nach dieser Hochschule des talmudischen Rabbinismus zog. Sein lebhaft bewegter Geist mochte in dieser unermüdlich fortgesetzten dialektischen Gymnastik, in jenen endlosen Disputationen über scharfsinnige Fragen der rabbinischen Kasuistik eine zeitlang eine gewisse Befriedigung finden. Aber diese Befriedigung konnte immer nur eine formale sein, wie der gesamte geistige Gewinn dieses Studiums nur ein formaler ist, aus dem für Geist und Gemüt f« ine fruchtbringende Nahrung erwächst. Daher mußte für einen empfänglichen Gei t wie Heß irgend eine zufällige Berührung mit einem positiven Wisiensgebiet genügen, um dem Jünger dieses Studiums die bodenlose Leere seines bisherigen Ringens und SttcbenS fühlbar zu machen Wir wissen nicht, auf welchem Wege Heß zu diesln Gefühl gelangt ist. Aber es kam der Moment, in dem er, von dem Geistesatem der neuen Zeit angeweht, von dem Verlangen nach positivem, allgemein menschlich:m Wissen ergriffen wurde. Und wie ihm nun Alles, was er bisher errungen zu hab:n glaubte, plötzlich nichtig und bedeutungslos erschien, so war er auch schnell entschlossen dem bisherigen Lebenskreise zu entfliehen, den gewählten Lebensberuf aufzugeben and er wußte nicht wo und wie — eine neue Stätte seines Strebens un > Wirkenaufzusuchen. . Im Jahre 1804 kam er nach Frankfurt. Welche Kenntnisse-er sich neben den talmudischen bereits in Fürth auf autodidaktischem Weg envorben^hatte, würde.