Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 31 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969988-2969991--7173-2977850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
an da- Talent ihres Landsmannes, der Prophet gilt nichts im eigenen Lande und nur durch den Kaiser erhielt er die feste Anstellung. Aus jener Zeit erzählt man sich Anekdoten von Sulzer, welche seinen Witz, seinen lebhaften Geist und seine Frömmigkeit kennzeichnen. Seine Leidenschaft war Reiten, und so manche wußten von seinem tollen Ritt zu erzählen, wenn es galt noch zur'rechten Zeit zum Vespergebet einzutreffen, einmal soll er einen steilen Bergabhang heruntergerollt sein, um noch vor Beginn des Gottesdienstes in die Synagoge zu kommen. Er organisierte in der Synagoge einen Chor und schrieb Gesänge für denselben.Er f ährte sogar Streichinstrumente in den Tempeldienst ein, um des Kaisers Geburtstag würdig zu begehen. Sein Talent wurde in kurzer Zeit bekannt und so erhielt er trotz seiner Jugend den Ruf als Kantor nach Wien, wo der aus Kopenhagen berufene berühmte Mannheimer als Prediger wirkte. Die Wiener Gemeinde erkannte die hohen Leistungen ihres „Chasan" an und trug selbst die Kosten seiner vollständigen musikalischen Ausbildung, welche die ersten Künstler leiteten. Später wurde Sulzer selbst Professor am Wiener Konservatorium und Direktor des Männergesangvereins. Die größten Künstler besuchten den Tempel, um Sulzer singen zu hören und lange bevor seine eigene Gemeinde seinen ganzen Wert zu würdigen wußte, genoß er in Künstlerkreisen das höchste Ansehen. Berühmte Künstler zählte er zu seinen intimen Freunden, so z. B. Schubert. Liszt, Meyerbeer uv. a- Nachdem Sulzer mehrfachen Aufforderungen bei Hofe zu singen gefolgt war, wollte ihm die Erzherzogin Sofie den Titel eines Hofkapellen - sängers erteilen; er lehnte jedoch diese Ehre ab und begnügte sich mit dem Titel «Obcrkantor". Vom Fürsten Metternich wurde Sulzer oft zu Jagdoergnügungen eingeladen. Das erregte jedoch Anstoß bei den Gemeindevertretern und so lehnte Sulzer die nächste Einladung des Fürsten unter dem Vorwände ab, daß „die Vorsteher es verbieten." Nun wendete sich der Fürst mit seiner Einladung an die Vorsteher, welche Takt genug hatten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Auch Kaiser Ferdinand schätzte Sulzer sehr, besuchte auch eines Freitags den Abeudgottesdienst und verweilte andächtig und ganz entzückt bis zum Schluß. Einmal traf er Sulzer im Park von Schönbrunn und forderte ihn auf, eine musikalische Kollektion, die soeben angekommen >oar, im Schloß zu besichtigen. Die Einwendung Sulzers, daß er nicht hofmäßig gekleidet sei, wurde lachend abgewiesen und man ging zur Prüfung der Manuskripte. Hierauf ivurde Sulzer aufgefordert, ein Schubert'sches Lied zu singen; mit bekannter Meisterschaft vollzog er den Befehl. Während des Gesanges waren unbemerkt die Erzherzoge eingetreten (einer davon der jetzige Kaiser Franz Josef) nnd lauschten dem herrlichen Gesänge. Warme Worte der Anerkennung waren sein Lohn. Sulzers Verdienste wurden allgemein anerkannt. Sulzer hatte 16 Kinder; 10 Töchter und 6 Söhne und hatte noch die Freude zu bemerken, daß sich das musikalische Genie bis zur dritten Generation fortgeerbt hatte.