Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn ich heute das Wort ergreife, so geschieht eS zunächst, um den Namen S der größten Männer in Israel zu ehren und seine Bedeutung in Euer Ge- MlchtniS zurückzurufen. Heute sind es gerade zehn Jahre, daß mein unvergeßlicher »Vorgänger und Prediger unserer Gemeinde, der hochverdiente Dr. Adolf Jellinek K- -hier hatten sich alle Anwesenden von ihren Sitzen erhoben — von eben dieser Mtelle aus, genau auf dieselbe Minute und zum gleichen Wochenabschnitte „Vajechi“ letztem«! zur Gemeinde gepredigt hatte. Wenige Tage darauf war er zum Wvigen Frieden entschlummert. Was Dr. Adolf Jellinek gewesen, brauche ich Euch Mcht erst zu sagen- Ihr habt ihn ja alle gekannt, den Mann mit dem Feuereifer MneS gottbegnadeten Pri:sters, dessen Wort hinreißend gewesen, dessen Predigt von Ödender Beredtsamkeit war, den Mann, der als Lehrer unserer Gemeinde in stren Herzen sich tief und unvergänglich eingegraben hat. So wie es vom Erz- Jakob zum Worte „Vajechi" heißt, daß Jakob nicht gestorben ist, sondern hoch weiter lebt in den Nachkommen seines Stammes, seines Volkes und in der sNrschichte der Inden, die seine Tradition durch die Welt tragen, ebenso kann man | von Dr. Adolf Jellinek sagen, daß er nicht tot, sondern am Leben ist: er lebt in Herzen und Seelen aller, die diesen seltenen und ausgezeichneten Verkünder des §1 Gotteswortes gekannt Haien. p | Aber noch höher als es seine Bedeutung als Prediger, Gelehrter und Schrift- & peller in der jüdischen Ge steswissenschaft ist, muß ich für meinen Teil einen anderen | Charakterzug Dr. Adolf Jcllineks schätzen, der diesen wahren Priester ausgezeichnet 1 hat. . Ihm galt der Fri:de über alles. Trotz mancher Meimingsverschiedenheiten jf ich religiösen und litnrg sch-synagogalen Fragen, die hie und da in der Gemeinde tz- ,hie Gemüter in Bewegung setzten, hatte er seine Meinung, ja sogar seine bessere pc Überzeugung dem Zwecke des Friedens, dem Willen der Menge untergeordnet. ^Dieser mußte vor allem gewahrt und erhalten bleiben. Es ist mir, dem es ver-' ^.ßßnnt gewesen, durch 28 Jahre neben und niit Dr. Adolf Jellinek zu wirken, dieser Höhere Zug seiner Seele als der schönste Beweis seines gottbegnadeten Priesterbe- ^rufes erschienen. Ich muß an das Textwort des sterbenden Patriarchen Jakob an- & knüpfen, welcher seine zwnlf Söhne um sich versammelt sieht und ihnen eindringlich K und mit so viel Nachdruck zuruft, Versammelt Euch, Ihr Söhne Jakob, scharet Euch um Israel, Euren Vater! Gibt es ja genug Meinungsverschiedenheiten unter Mitgliedern einer Körperschaft, ja selbst in einer aus nur wenigen Personen ^bestehenden Familie. Aber im Hinblicke auf die Eltern, diesen Zentralpunkt der den die Gesamtheit erhaltenden Frieden, hat jede ab- ^weichende Meinung zurüHutreten. Dies ist auch tiefere Sinn des Zurufes ^JakobS an feine Kinder. In diesem Geiste handelte und wirkte auch Dr. Adolf Jülinek. Mit Recht sagen d e Weisen: Gott hat kein anderes Gefäß gefunden» welche» einen größeren Segen in sich faßte, als den Frieden. Und in diesem Geiste sollen