Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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12 oder griechischen Priestern um seine Verwendung bei Gott angegangen zu werden. Aber Christen, die nichts bringen, nichts wollen, nur mit ihm reden und schließlich ein Missionsschriftchen hinterlassen, sind in diesem Raume allerdings eine so unerhörte Erscheinung, daß wir den betroffenen Rabbi einstweilen seinem Staunen überlassen müssen. Im Hinaustreten begegnen wir vielen neidischen Blicken; haben doch manche schon viele Tage gewartet und sind noch nicht des erhabene» Anblicks gewürdigt worden. Aus dem Rückivege passieren wir eine Straße, an der nichts als Synagogen, eine neben der anderen, stehen, jede einem besonderen Wunderrabbi von seinen Anhängern geweiht, der Heiliger, Schutzpatron und Haupt dieser kleineren oder größeren Gemeinde ist. Jetzt herrscht in dieser Straße Ruhe; hätten wir Zeit bis zum Freitag abend, da der Sabbat beginnt n»d begrüßt wird, so wurden wir ein weithin schallendes Getöse vernehmen: Es sind die betenden Juden, die unter den heftigsten Bewegungen uttö manchmal fast derwischartigen Verzückungen den Himmel stürmen zu wollen scheinen mit einer Inbrunst, deren fast mehr als heidnischer Charakter uns schaudern macht, ivenn wir erfahren, daß jetzt wohl schon der größte Teil der Betenden nicht einmal den Sinn der Worte, die er spricht, versteht. Wir werfen noch einen Blick in eine der zahllosen jüdischen Prioatschulen: Ein ehrwürdiger Greis sitzt unter einer Reihe v- bis 14jährige'' Knaben, den Talmud und durch ihn den 49- oder 70fachen Sinn der Heiligen Schrift erforschend. Die Antworten der Knaben zeugen von einem frische», kräftigen, raschen Geist; durch das kluge, glänzende Auge glaubt man in die Tiefe des Herzens hinuntcrschc» zu können und ein sehnsuchtsvolles Ringen nach einem unbekannten Etwas zu spüre». Wer könnte diese Knaben ohne tiefes Weh betrachten, die, jetzt schon Greise an Verstand, ehe sie die Jahre der Kraft erreichen, leiblich geknickt, mit Leib und Seele aber dem Banne des furchtbaren Aberglaubens verfallen sein werden! Für die Wirkung des Talmud auf Geist und Gemüt war ein Gespräch, das ich an jenem Morgen, dem ich allerdings allerlei anderswo Gesehene« und Erlebtes beifügte, mit einer Anzahl Juden hatte, charakteristisch; daher möge es dieses Bild beschließen. Ich saß im Wirtshaus, noch voll der soeben empfangenen Eindrücke, alseine stets wachsende Schar von Juden sich um mich sammelte, den merkwürdigen Gvi, d. i. Heiden, der so rasch Zutritt beim Rebben erlangt, neugierig auszufragen. Man hört, er ist aus Deutschland. Dort, meint einer, sind wohl die Juden schon halbe Christen; sie tragen ja weder de» langen Rock, noch die Stirnlocken, noch all das andere, was den orthodoxen Juden kenntlich macht und in seinen Augen die Orthodoxie bedingt. Ich antivortete, der christliche Glaube geht nicht in solchen Äußerlichkeiten auf, wie hier der jüdische, sprach meinen tiefen Abscheu aus über das Plappern der Gebete, denen man nicht das geringste von dem Bewußtsein der heil. Gegenwart Gottes anmerke und stellte ihnen einen Jesaias und David in ihrem Gebetsleben vor Augen. Sic wurden nachdenklicher und stiller, als ich es sonst bei