Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Dow Meisen beim Wunderrabbi in D. Im Vorzimmer des Rebben — wie man den Wunderabbi nennt (oder auch des „guten Inden ') — ist bereits, obwohl es noch früh am Tage, eine Anzahl, zum Teil von fern hergekommener Juden versammelt, sehnsüchtig des Augenblicks harrend, da der Leibdiener des Rabbi kommt, die Tür sich öffnet und einem Bevorzugten gestattet, nienige Minuten in der heiligen Nähe des Lieblings Gottes zu weilen. Was wollen nun diese Leute bei dem Rebben? Nun, der Rebbe lebt ja bei Gott im Himlniel und gastet eigentlich nur auf Erden; seine Gebete sind unbedingt kräftig; er! hat eine gewaltige Macht über Gott. Da ist einer tief aus Ungarn gekommei^, dem Rebben den Verkauf seiner Ochsenherde zu befehlen; von dem festen Vertrauen, das er auf die Fürbitte setzt, zeugt die ungeheure Anzahlung, die er dem Rebben macht. Hier hat einer eine Krankbeit, jener die Verheiratung seiner Kinder onfj dem Herzen und bringt eine Spende, so groß er sie erübrigen kann. Aber es sind auch Leute da, die Höheres suche», Juden, die dem Studium leben, ein fast mystisches Lebe» führe», Land auf und ab nach den frömmsten Wunderrabbinen gesucht und sich endlich diesein angeschlossen haben. So oft Zeit und Entfernung es gestatte», am liebsten alle acht Tage, sieht man sie beim Rebben, sich an seinem Vorbilde zu stärken, Rats zu erholen über die frömmste Art des Lebenswandels; ja sie erwarten von ihm die Mitteilung wirklicher Gotteskräfte und sehen in seiner Pierson eine fast messiauische Osienbarung und Würde. Sonderlich versammeln sie sich um ihn zu der schelischith seuda (dritte (Sabbat-> Mahlzeit) am Sabbatabend^ Da sitzen sie in der stockdunkeln Synagoge, der Heilige umgeben von seinen Verehteru; in fast unheimlicher Stille warten alle der bevorstehenden Offenbarung. Jetzt innrmelt er einige unzysammenhängende Worte; aber was Unverständliches vdcjr Unverständiges er auch^fagen mag; gleicherweise entzückt er die Zuhörer: so gekannt sind sie von dem (Trug der Hölle, daß er es wagen darf, einem der Anwesenden zu sagen, er komme eben aus dem Himmel, wo Gott ihn zum Beisitzer desiGerichts gemacht, und ihm Grüße von seinem verstorbenen Vater, mit dem er geredet, zu überbringen. Doch eben winkt der Diener des Heiligen; den durch die moderne Tracht als Ausländer kerultlichen Fremden wird die Auszeichnung des Vorantritts zu teil; sind sie von ferm gekommen, so muß ja wohl die Veranlassung eine wichtige und die mitgebrachte Spende eine bedeutende sein. Das bläde Auge des Vergötterten ruht fragend auf juns. Warum? Sind Christen in diese» Räumen etwas Seltenes? O nein! Die großen Reichtümer der bedeutendste» Wunderrabbinen ziehen manchmal vornehme Personen herbei, Geldgeschäfte mit ihnen zu niachen. Aber wäre es nur das! Auch ihre Nöte und Sorgen bringen Christen gleich den Juden vor den bei Gott so hoch angeschriebenen Rabbinen, der sich rühmen kann, selbst von römischen