Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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glauben hinaushebt über die anderen Religionen, ist jüvischen Ursprungs, so vor andern die unerhört^ Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen, Einen Gottes. Beides war Jahrtausende alter Besitz der jüdischen Nationalreligion, und Jesus hat an ihm nichts geändert, hat nichts dazu getan, noch etwas davon genommen Nicht I Griechen, nicht Römer nicht Germanen haben je den Gedanken eines einzigen, höchsten und doch persönlichen Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern der Weltgeschichte es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demütigen, wie dieser grüblerische Hirten» und Bauernstamm schcn in seinem Mittelalter getan hat. Neben den großen Besitztümern des! Christentums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigentümliche Gedanke eines zur Erde niedersstikenden Gottesreiches und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittleis zwischen dem Gott und den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht Befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charakterzug der äußeren Form von der alten auf die neue Religion über. PKber Griechen, noch Römer, noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur gemacht wie die Juden, deren gesamte geistige Tätigkeit sich von je auf diesen einen Punkt cvncentriert hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus Lehre aus seinem Sittengebot ruhte, jo war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs; kein Europäervolk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält, wie die Inden, und keines andern Volkes Sittenlehrc war so ganz auf dem Grundsatz der N ä ch st c n l i e b c aufgebaut wie diese- Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stück am meisten ^gesteigert und anfgehöht, was er vorsand. Aber wie viel ist nicht damit schon gesagt, daß dieser Verkünder aller Selbstentäußerung und Hilfsbereitschaft eine Sittenlehre vorsand, die er nur zu potenzieren brauchte, um aus ihr die frohe Botschaft zu gewinnen. Das historische Ergebnis all solcher Betrachtungen bleibt: daß das Christentum in all seinen charakteristischen Eigenschaften, in seinem unbedingten Ein-Gottesglauben, in seinen altruistiscven Conjequenzen und in seinen gewalttätig-egoistischen Jnconsequenzen den Stempel jüdischen Geistes trägt. Es war das schickjalsreiche Geschenk an den Westen, und nacheinander haben es sich die Griechen, die bis dahin so wenig fremde Culturgüter angenommen hatten, die Römer und schließlich auch die Germanen zu eigen gemacht. (Prof. Kurth Breysig': Vergleichende Entwicklungsgeschichte der führenden Völker Europas u^id ihres sozialen und geistigen Lebens. Band II Seite 678 ff.)