Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969988-2969990--7141-2977817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zeit vielfach eingehend diskutiert worden, besonders aus Anlaß des in christlichen» wie in jüdischen Kreisen Aufsehen erregenden Buches Prof. Harnacks über das Wesen des Christentums. Die Verfasserin, die ihre nicht genug zu empfehlende Schrift besonders allen rechtschaffenen Christen gewidmet mit dem Wunsche, daß das reine Gotteswort bald über die menschliche Satzung gestellt werde, wurde zu ihren Auslassungen durch den schrillen Widerhall der letzten Judenverfolgungen, die an ihr Ohr drangen, angeregt. Es kam ihr durch dieselben erst so recht zum lebendigen Bewußtsein, daß die Welt täglich der Schauplatz furchtbaren Unrechts sei, gegen das man mit aller Entschiedenheit aukämpfen müsse. Aus der Stimmung heraus, daß vorerst die Schuldigen über ihre Verblendung, über ihre Grausamkeit und was die Hauptsache ist, über ihr unchristliches Gebühren aufzuklären seien, schrieb sie „Jesu wahres Christentum", in welchem sie besonders dartun will, daß nicht der ein wahrer Jünger Chpifti sei, dessen Leben das Brandmal des Hasses an der Stirne trage, sondern der,! welcher voll Liebe und Friedfertigkeit mit dem Leiden des Nächsten Mitgefühl empfindet. Miß Doröe steht in der belegten Frage auf dem richtigen Standpunkte svenn sie behauptet, daß die Religion Jesu von denjenigen ihrer Bekenner nicht verständen werde, welche mit seinem Namen blos die Vorstellung von nichtssagenden Glaubenssätzen und leeren Zeremonieeu des kirchlichen Lebens verbinden und daß die, welche sich selber Christen nennen, über das wahre Wesen der Lehre Jesu schon seit vielen Jahrhunderten in Irrtum und Täuschung befangen wären. Durch die übliche christliche Theologie ist das wahre Christentum verdrängt und erscheint mehr als eine Sache des Gesetzes und der Form, denn als eine solche der Seele und Gesinnung. Die Juden besitzen das große Verdienst, die Religion der Humanität geschaffen zu haben, denn die gottbegeisterten Verfasser des alten und neuen Testamentes waren Inden. Die Christen sind schon aus diesem Grunde allein den Juden zu großem Dank verpflichtet und werden nach dieser Richtung hin niemals ganz ihre Schuld an dieselben abtragen können, und wenn die Christen im Gegenteil die Juden verfolgen, so ist dies ein wahres Possenspiel, ja eine Lästerung gegen Gottes Ratschluß. Die meisten Christen zersplittern den Fels der Zeiten und schleudern Steine auf ihre Brüder. Uns fehlt, ruft die Verfasserin aus, eine »vahrhafte Brüderschaft aller Menschen, ein lebendiges Band der Liebe und Einigkeit, das im Leben die Lehre' Moses und Jesu verkörpert. Gott lieben und die Menschen lieben, das ist die Lehre, die Moses und Jesu zum Heile der Menschheit verkündet haben und die Menschen besitzen das göttliche Geheimnis wahrer Glückseligkeit im Leben, welche in Gott einen Vater sehen und alle Menschen als Kinder Gottes und Brüder lieben und deren Glaubensbekenntnis in den Worten gipfelt: „Einigkeit in allen wesentlichen Dingen, Freiheit in allen unwesentlichen, in allen Dingen aber Liebe?' Die Juden haben das große Verdienst noch heute, die Erhalter der göttlichen Wahrheit zu sein, indem sie die Verkünder jener erhabenen Lehren von Gott und der Verbrüderung der Menschen in Wirklichkeit geblieben sind.