Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-12-01 · Heft 12 (1.12.1903) · p. Seite 279

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 12 (1.12.1903)
Date
1903-12-01
Page
Seite 279 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2969669-2969975-2969987--7122-2977797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— die Bibel — gebar, entstammte auch eine mündliche Lehre» eine mü Tradition, welche die Art, wie das schriftliche Gesetz aufgefaßt und ausgeübt j soll, enthielt. Daß nun dieser Glaube an eine ebenso wie die Bibel selbst Überlieferung in denjenigen Zeiten festgehalten wurde, in denen bezüglich dir ßjüA schiedenen Bestimmungen jener Überlieferung noch keinerlei Widerstreit herrscht^- also, in den ersten Jahrhunderten nach Esra — ist nicht zu verwundern. Enicht zu verwundern, trotz des traditionsfeindlichen Standpunktes, den im zweiten inw^. christlichen Jahrhundert die sehr einflußreiche Sekte der Sadduzäer geltend maladen» der Traditionsbegriff an sich ist gesund, notwendig, unausweichlich. Daß «che» dieser Glaube auch später unerschüttert blieb, als das Traditionsgebäude ganz q?» Schwanken geraten war, als es kaum einen einzigen Punkt mehr gab, übet b« nicht dir Meinungen der Schulen auseinander gegangen wären; daß man quchr dann noch von der Traditionsidee nicht laffen wollte, vielmehr innerhalb deS durch! unendliche Meinungsdifferenzen unendlich erweiterten Gebietes noch immer hat Wahre. Richtige und Maßgebende, ermitteln zu können vermeinte, und den zum Axiom erhob: »Die Aussprüche dieser und jener Schule sind Aussprüche lebendigen Gottes" — das erscheint unverständlich. Aber nachdem wir den G«st? kennen gelernt, der den Talmud — das Feld jener geistigen Kämpfe — durchweH- und beherrscht, ist uns Alles klar. Die Materie jener Meinungsverschiedenheibe»? mochte dem Zweifel und dem Irrtum anheimgefallen sei»; der Geist aber, :btfc die Streiter beseelte, war hüben wie drüben ein über allen Zweifel edler, religiöser,? göttlicher. Dieser erhabene Geist war der einende Punkt, in welchem alle Schult»^ zusammentrasen und in welchem man sich schließlich zu einigen verstand. Dieser? ideale Geist ließ eine Mißachtung der Tradition nicht aufkommen. Und wenn wir noch heute bei aller Wissenschaftlichkeit und aller unbefangenen strengen Kritik, «M denen wir den Talmud studieren, nicht umhin können, in ihm eine Quelle für die- ' religiöse Praxis zu sehen; wenn wir noch heute trotz alles feindlichen Lärms tany Talmud mit Ehrfurcht begegnen: es bestimmen uns dazu namentlich die ethis, Ideale in ihm, von denen wir fühlen, daß sie bessemd auf uns wirken und:yx> wahrer Frömmigkeit uns leiten; es ist der immer wieder siegreich durchbrechendes menschenliebende, sittliche, ideale Geist in ihm, der uns dem Talmud verpflichtet. ' fc»' Wonatsschau. j Zur Erinnerung an den jüngst im 85. Lebensjahr verstorbenen Gefchichtt? | forscher Theodor Wommsen sei hier seine denkwürdige Äußerung Hervorgehobe», W* ■ er im Jahre 1894 zu Herniann Bahr über den Antisemitismus getan: »Sie-. täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was auSrichten kann. Sie täuschen^ sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwamachen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.