Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1903)
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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276 R. Mba wurde ium Armenpfleger ernannt. Da ging er! heim, um sich mit seiner Gattin zu beraten, weil dabei der Hausfrau eine sehr beschwerliche Hauptrolle aufgebürdet wurde. Und was war das Resultat? Akiba sprach: Ich übernehme das Amt trotz der Flüche und Beleidigungen, die ich mit Sicherheit ge« wärtige! <Jeruschalmi Pea 8.) Noch weiter ging R. Elieser, dem das gleiche Amt zugefallen war. Er kam einst heim und fragte seine Hausleute, ob sie Zuspruch gehabt. Und als er die Antwort erhielt, eine ganze Schaar sei dagewesen, dir gegessen und getrunken und dann für den so tortrefflichen Amtsvorsteher gebetet habe, da bemerke der Rabbi, das sei ihm ttidit ganz recht, denn unter so günstiger Bewandtnis sei eS weiter kein Verdienst, solches Amt zu begleiten. Der Wunsch des Rabbi, eS schnueriger zu haben, sollte aber bald in Erfüllung gehen. Denn als er wieder einmal, von auswärts heimgekehrt, ar die Seinen die gleiche Frage richtete, antworteten sie ihm, es sei wieder eine ganze Schaar Ärmer dagewesen, die es sich ausgezeichnet . haben schmecken lassen, dann aber zum Dank dafür den Armenpfleger weidlich auS« geschimpft hätten. So bin ich befriedigt, bemerkte R. Elieser. Von demselben Manne, oder einem seiner Namensvettern, ist uns auch folgender köstlicher AuSsiruch überliefert: Wenn es unter den Bettlern auch Betrüger gibt, so sind wir ihnen zu Danke verpflichtet. Denn wie oft kommt eS vor, baß der Mensch in schlechter Laune einen Hülfe Verlangenden unfreundlich behandelt oder gar abweist? Was ist es da, was ihn entschuldigen könnte? Das Vorhandensein jener unlauteren Subjekte unter den Armen. (Das.) ' Es mag ja, eine solche Denk- und Handlungsweise für übertrieben erachtet werden: aber wen sollte die Humanität, die Gutherzigkeit nicht anmuten, die daraus hervorleuchte;?! Es ist wahr, das Benehmen manches Armen ist widerivärtig; aber — so de ckt der Mensch im idealen Geiste des Talmud — ist diese Rohheit, diese Verlogenheit, diese oft brutale Undankbarkeit nicht mit ein Produkt der Armut? Wäre dieser Mensch nicht artiger, nicht feiner in seinem Btnehme«, wenn er von wohlhabenden gebildeten Eltern wäre erzogen worden? Nicht nur dem Hunger, auch mit den Folgen desselben ist Mitleid und Nachsicht geboten. Der Gerechtigkeit muß ihr Recht werden;*) ste ift gleichsam das Rückgrat aller Gesittung; sie kann, so lange es noch schlechte Menschen auf Erden gibt, uumöglich der Liebe weichen. „Wie lange wirst du dein Volk durch dein strenges Richten bedrängen?" 4fragten einst seine Kollegen den R. Eleasar — „So lange es Dornen im Weinberge geben wird", gab er zur Antwort. (Bab. mez. 83,) Aber der Men ist, ihr gern das streu im idealen Geiste des Talmud wird, wo Liebe am Platze :hel Recht opfern. *) Bgl. Snkka 30, Sanhedxin 7, Aboda sara 4, Baba me*. 30.