Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1903)
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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würdig, das durch seinen Kant. Lessing, Göthe, seinen Ranke, Virchow und Helsiihottz sich den Ruhm erworben hat, das Banner der Geisteskultur den Nationen boranzutragen? Und erscheint es bei dieser Sachlage nicht als heilige Pflicht eines Jeden, der dazu befähigt ist, die Aufgabe, die sich jene edlen christlichen Theologen im Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit gestellt, seines Teils dadurch ihrer Lösung nähern zu helfen, daß er in seinem Kreise für Aufklärung über jene arg verdunkelte Frage zu wirken strebt? . Das war der Gesichtspunkt, m. H., von dem ans ich es im vorigen Jahre unternahm, öffentlich über den Talmud zu sprechen, und der gleiche Gedanke bestimmt mich heute, in der Aufzeichnung der erhabenen Charaktere, welche im Talmud als nachzuahmende Muster erscheinen, fortzufahren. Es wird mir ja auch heute kaum gelingen den reichen Stoff, der hochausgeschichtet vor uns liegt, zu bewältigen; aber es wird doch, was ich Ihnen mitzuteilen gedenke, eine abrundende Ergänzung geben für das Gemälde, das ich im vorigen Jahre von Ihnen zu entrollen gesucht- Es wird Sie jedenfalls, wie ich hoffe, in der Überzeugung bestärken, daß, wie finster auch die Zeitumstände seien, die der Talmnd zuweilen reflektiert: der Geist, der darüber schwebt und waltet, kein finsterer, nein ein leuchtender, ein idealer Geist ist. —1 Wo man ein Interesse daran hat, daß Finsternis herrsche, was wird da zuallererst und mit allem Nachdruck verpönt sein? — W isse n. Nun gilt aber im Talmud als der vornehmlichste Maßstab für die Wertung des Menschen! Wiffen, Bildung. Dieser lichtvolle Hintergrund wird vor Allem und von Jedermanjn, von dem höchstgestellten bis zum geringsten Manne aus dem Volke gefordert, wenngleich das edle, sittliche Tun als das Ziel alles Lernens betrachtet wird. Die Frage ward einst von den Wessen Palästinas in einer besonderen Versammlung beraten: „Was ist höher zu schätzen, das Lernen oder das Tun?" Die Meinungen gingen auseinander, am Ende aber einigten sich Alle in dem Satze: „Das Lernen geht vor, denn es führt zur Tat." (Äidduschin 40.) Ein Gelehrter von dunkelster Abkunft, ja selbst wenn er ein Götzendiener ist, hat den Vortritt vor den Ratsherren, ja ist selbst einem unwissenden Hohenpriester vorzuziehen. (Horajoth 13, Aboda sarah 3. Jeruschalmi Sabbath 12). Hast du Erkenntnis erworben - sagt der Midrasch — woran fehlt es dir? Mangelt die Erkenntnis, was hast du erworben? (Wajikra rabbali l.j Gleicherweise — mahnt der Talmud — sind daher Arm und Reich verpflichtet, die Lehre zu studieren. Bist du arm. so nimm dir ein Beispiel an Hillel. Der verdiente täglich nur einen halben Denar; die Hälfte davon verwendete er für seinen und seiner Familie Unterhalt. die andere Hälfte aber gab er dem Türsteher des Lehrhauses, damit er ihn hineinlasse. Einst — es war an einem Freitag, — konnte er das Einlaßgeld nicht entrichten; da erkletterte er das Dachfenster, um von da aus Etwas zu erhorchen. Es war aber starker Schneefall, was Hillel tu seiner geistigen Vertiefung nicht merkte. Als nun die Zeit des Morgenanbruchs gekommen war, da wunderten sich