Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1903)
- Date
- 1903-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969975-2969986--7080-2977754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 Gelegenheit über und Geist desselÜ M. H. Ich kenne gebildete und wohlgesinnte Personen, die, wenn vom Talmud die Rehe ist, sich eines gewissen Grnselns nicht erwehren können. Sie haben den Talmud nie aus eigener Anschauung kennen gelernt, hatten also nie das. eigentliche Wesen und den wirklichen Inhalt, über Richtung len etwas zu erfahren; nur die rastlos polternden Verleumdungen waren auch zu ihren Ohren gedrungen, und so blieb auch an ihnen etwas hängen. Das istein ganz natürlicher Vorgang. Wenn eine Epidemie ausbricht, so kann man in Bezug auf ihre Wirkung dreierlei Menschen unterscheiden: solche, die ihr sofort anheim fallen, weil sie verwandten Stoff in sich trugen; solche, die zwar nicht krank werden, aber einen Anklang davon, ein gewisses Unbehagen verspüren; und endlich solche, die der Pest völlig widerstehen. Die Sucht, den Talmud zu verleumden, ist eine solche Pest, der Haß ist ihr Herd, und das 13. Jahrhundert ttmr7#, das ihn entzündet hat. Bis dahin hatte man den tausendfach mißhandelten Juden wenigstens die eine Zuflucht gelassen: Die Gedankenwelt des Talmud. Hier gewann die' gep nnigte Seele ihre Spannkraft wieder; hier fand sie Trost und Stärkung mitten in allen Verfolgungen; hier die wohltuenden Lethe die sie vergessen machte alle Unbill von außen. Der Hallacha steiles Gebirg reizte den Geist zu heilsamer Gymnastik, sodaß er nicht völlig erlahmte, und der Agada anmutige Fluren versorgter! das Gemüt mit demjenigen Maas von Poesie, ohne welches die rauhe Prosa des Lebms nicht zu ertragen ist. Aus den Folianten des Talmud wehte dem gehetzten Juden ein erfrischender, belebender Hauch, Mut, Ausdauer Hoffnung entgegen. Da tauchte der Haß in Gestalt des Apostaten Nikolaus Donin aus Nordfrankreich auf, um den Juden auch diesen letzten Halt zu verleiden. Aus Rache gegen seine ehemahligen Glaubensgenossen verleumdete er beim Papste Gregor IX. den Talmild. Dürfen wir uns wundern wenn die Verbrennung aller auffindbaren Talmudez-emplare das Ergebnis war? Das Seuchengift fand einen nur zu empfänglichen Boden in der noch von Kreuzzüglerlischen Ideen nachktingenden Zeit. — längeren Die Pest oder kürzeren erlosch wieder, aber nicht gänzlich; vielmehr brach sie nach Zwischenräumen immer wieder aus, von gewissenlosen Abtrünnigen künstlich genährt, von einzelnen erlesenen Geistern zurückgedämmt — wie beut großen Humanisten Ranchlitt und dem feingebildeten Papst Leo X. der sogar den Druck des Talmuds begünstigte — von der großen Menge teils überwunden, teils als jenes Geistige Unbehagen empfunden, von dem ich sprach. Und steh>t es heute viel anders? — Hier die Parteigänger Rohlings, des verbissensten und Ungleich unwissendsten Talmudanklägers der Neuzeit, dort der hochgelehrte unvergeßliche Delitzsch, der wackere Stack, her treffliche Wünsche, und zwischen ihnen die Massejn, die bei ihrer Ununterrichtetheit in ihrem Urteile schwanken, und entweder einem instink'wen Gerechtigkeitsgefühle oder vorgefaßten Meinungen und anerzogeuen Abneigunc en die Entscheidung überlassen. Ist das ein Zustand für die Dauer?, des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts würdig, des deutschen Volkes