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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-10-01 · Heft 10 (1.10.1903) · p. Seite 235

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 10 (1.10.1903)
Date
1903-10-01
Page
Seite 235 (sequence 21)
Language
German
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— 23& Ihr habt im Leben Eu'r Denkmal euch errichtet Im Herzen der Bedrängten, der Armen, Knaben, Waisen, * Und wenn die Zeit dies Monnment von Erz vernichtet, Dann wird der Mund der Kindeskinder noch euch preisen. Der Dank im Herzen aller, die euern Tod betrauern, Wird, sich vererbend, einst das Denkmal überdauern. Beachtenswert und von Interesse sind die in den Stein gemeißelten Zeichen und Symbole au den Stirnen der Grabtafelu. Hier offenbart sich vielfach ein künstlerisches Können, das Respekt einflößt. Reizvoll ist die Bildersprache, die unS' Kunde gibt von Menschenkindern, die in jungen Jahren ins Grab sanken. Da finden wir gebrochene Bäume, gebrochene Rosen und Ähren, gebrochene Lichte. Ausgebreitete Hände, die sich mit den Spitzen der Daumen und der Zeigefinger berühren, nennen uns die Gräber der Priester, Kännchen die Gräber der Leviten; Stundengläser mit Schwingen reden davon, daß die Lebensuhr regelrecht abgelaufen ist; ein Sternenhimmel, durch den ein Schmetterling stiegt, symbolisiert die Unsterblichkeit; Schlangenringe zeugen von der Unendlichkeit der Liebe. Der Friedhof ist keineswegs so alt, als es den Anschein hat. Er ist im Jahre 1726 durch die Brüdergemeinde (Chewre Kedische) auf dem damaligen Schweidnitzer Anger angelegt worden, nachdem der alte Friedhof in kriegerischen Tagen demoliert worden war. Der älteste jüdische Friedhof befand sich vor dem Ohlauer Tore. Die Grabsteine des demolierten Friedhofes wurden von Bürgern und Landleuten fortgeschafft und auf alle mögliche Weise: beim Häuserbau, zu. Futterkrippen, als Brunnensteine, als Stege u. s. w. verwendet. Die Brüdergemeinde betrachtete es als Ehrenpflicht, jene Steine zu retten; sie bot ansehnliche Preise dafür aus, und so gelang es ihr, eine große Menge der steinernell Personen- und Familienurkunden zu erobern. Zum Gedächtnis an die Todten, deren Gräber verwüstet waren, stellte sie die verwitterten Steine in Reihen auf dem neuen Friedhof auf^ und dadurch gewann er schon vvn vornherein ein altertümliches Aussehen. Inzwischen ist er wirklich alt geworden. Weit über hundert Jahre lang nahm er die Todten der Gemeinde in Empfang; dann war er zu klein geworden, und ein neuer Friedensacker mußte hergerichtet werden Der neue Todesgarten draußen im Süden ward inzwischen ebenfalls zu eng, und abermals mußte ein neuer Begräbnisplatz angelegt werden, Der neue Friedhof im Westen, fern beim Dörstein Kosel, ist so überaus geräumig, daß man glauben könnte, er müsse ausreichend sein für alle künftigen Generationen; doch der Tod ist ein ungemein fleißiger Ackersmann; er bepflanzt seine Felder mit unheimlichem Eifer. Die Grabreihen mehren sich geschwind, und Stein an Stein wird in den Boden gestellt. Der alte verlassene Friedhof an der Claassenstraße bildet in seiner Gesammtheit ein Denkmal aus vergangenen Zeiten, und seine Grabschriften reden in fesselnder Art von alten jüdischen Geschlechtern, sowie von Geschichten, die als wertvolle Beiträge zur Stadtgeschichte gelten können. (Breslauer Zeitung).

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