Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1903)
- Date
- 1903-10-01
- Page
- Seite 234 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2969669-2969975-2969985--7067-2977740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
234 An der Süd leite, über lauter Kindergräber hinweg, kehren wir zurück in die schmalen, finsteren Todesgassen des vorderen Teiles. Tief in bas Friedhofsgebiet s mächtige Gebäude der Eisenbahndirektion. Deutlich erkennt man, daß der still^ Friedensacker schon einmal eine Besitzabtretung erlebt hat. Gräber sind allerdings nicht preisgegeben worden; nur ein Krankenhaus, das sich befand, sowie ein Jnspektionsgebäude und ein Wärterhaus sind anheimgefallen. Wieder weilen wir zwischen Steinmonumenten. früher am Friedhof dem Eisenbahnfisküs hält den Atem an,!an legener Ferne her tönt der Lärm der Straßen. Das grüne, blühende Leben, das in den andern Teilen triumphierend über Gräbern wuchert, ist verschwunden. Die dunklen Eschenwipfel trauern. In den starren Steinlabyrinthen waltet schwüles Schweigen. Kein Lufthauch ist zu verspüren; die Natur auf daß sie die Friedensstille nicht störe. Wie ans weiter, ent- Da — ein Murmeln in unserer Nähe. Es schreckt uns auf aus sinnender Betrachtung. Der suchende Blick entdeckt einen Gast aus Galizien, der an einer Gedenktafel lehnt und gestikulierend ein Gebet verrichtet - Man chat unwillkürlich das Empfinden, als sei einer der Männer aus verkluigener Zeit von den Toten auferstanden. Der lange Kaftan, die Löckchen an den Schläfen, die tief im Nacken sitzende Schildmütze und das feingeschnittene, von nnvertilgbarer Rasseneigentümlichkeit zeugende Gesicht verraten die Herkunft des Fremdlings. Beim leisen Geräusch unserer Schritte fährt er empor; betroffen und demüllg tritt er uns entgegen. Mit bittender Stimme, als sei er auf übler Tat ertavpt worden, erzählt er in echtem Halbasiatisch, daß unter dem Denkmal ein großer Mann begraben liege — der Großvater eines berühmten Rabbiners. Opi* und viele Angehörige seines Stammes suchten, wenn sie nach Breslau kämen, dieses!Grab> auf und beteten. Wir ersuchten ihn, sich nicht stören zu lassen und er betete-weitem Auf der Grabtafel lasen wir den Namen Abraham Tiktin» Dieser Großvater )es bekannten Rabbiners ist nicht der einzige Tote, zn dessen Grabe noch dankbare Nachkommen gepilgert kommen, geleitet vom starken und erhebenden Gefühl der Stammeszugehörigkeit. Das Liliencronsche Wort: „Auf allen Gräbern friert das Wort Vergessen" hat hier keine Geltung; die Hüter des Friedhofes ehren ihre vwehrungswürdigen Toten durch sorgsame Pflege der Grabmale. Mitunter erblickt man eine Gedächtnistafel, die mit Fleiß und Kunst renoviert worden ist, darunter eine, die uns berichtet von Löser Lippmann, der königlicher Hofagent, Oberlandesältester und Direktionsmitglied der Königlichen Wilhelmsschule war und seit k8 Jahren verstorben ist. Vorzüglich erhalten ist das eiserne Denkmal von Wolf uni) Edkl Fränkel — den Eltern der Brüder Fränkel. Wolf starb vor 83, seine Frau vor 7o Jahren In ihrer Nähe schlummern unter einem prachtvollen Eisendenkmal die beiden Söhne David und Jonas. Von ihrem Leben und ihren Großtaten spricht die Stelle aus dem Psalm 112: „Sie gaben reichlich den Dürftigen, ihre Wohltat ist von fester Dauer, ihr Ruhm strahlt ehrenvoll." Deutlicher noch spricht davon eine sechszeilige Strophe am Sockel des Grabmales: