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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-10-01 · Heft 10 (1.10.1903) · p. Seite 233

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 10 (1.10.1903)
Date
1903-10-01
Page
Seite 233 (sequence 19)
Language
German
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233 Scheu unh Ehrfurcht vor einigen Gräbern stehen bleiben, namentlich vor den Ruhestätten solcher Bürger, denen sie steten Dank schuldet. Wir denken hier in erst« Reihe an die Familie Fränkel, besonders an das Brüdel-paar David und JonaS Fränkel, das sich durch seine Stiftungen ein unvergängliches Andenken in sein« Heimatstadt gegründet hat. Wenn auch die Stadt in ihrem Platzhunger den Frieden alter Gräber nicht achtet und über morschen Gebeiiien die Banner des jungen Lebens aufpflanzt, so ehrt sie doch pietätvoll und dankbar die Totenhügel solcher Söhne und Töchter, die sich einer Bürgerkrone würdig machten. Deni Augenschein nach zerfällt der Friedhof in der Claassenstraße in drei Teile- Der erste Teil, in dem wir beiin Eingänge gelangen, kennzeichnet sich durch die dichte Massenhaftigkeit seiner Grabsteine und durch den Eichenwald, der aus seinen Gräbern entsprossen ist. Der mittlere Teil ist baumlos, sonnig, mit hohem Gras bewachsen. Die Gräberreihen sind dort weniger eng, die Steine niedrig und vermorscht, Der Hintere Teil läuft spitz zu und endet am Fränkelplatz in einer Wildnis von Ahornbäumen, Akaziengcsträuch, wucherndem Epheu und Blattgerank. Die Luft ist feucht und schwül in jener verwilderten, bedrückenden Enge; ein leiser Moderdunst wirkt beklemmend auf das Gemüt, und wie ein erlösender Schall ertönt ein herzliches Kinderlachen draußen hinter dem hohe» Gezäun. Wer in diesen Hnndstagen das Wagnis unternimmt, in den verlorenen Friedhofswinkel vorzudringen, an dem nehmen die Mücken, die dort zn Millionen daheim sind, schauderhafte Rache. Die Stadt iväre froh, wenn sie den entlegenen Zipfel besäße. Ihr mangelt es dort hinten am Fränkelplatz an Raum; das weite Gräberfeld ab« würde durch die Preisgabe des Zipfels nichts eiubüßcn an idyllischem Reiz und räumlicher Großartigkeit. Die Pietät aber verteidigt vorläufig noch jeden Quadratfuß des geheiligten Landes. Das wird erklärlich, wenn man dort auf den Kindergräbern die ergreifenden Inschriften betrachtet. Mit einiger Mühe sind die Buchstaben noch leicht zu erkennen. Auf den Tod des Knaben Leontin Altmann, geb. d. 22. Jjar 5600, gest. d. l l. Schewat 5608, ist ein Gedicht in den Stein gehauen, das ganz trostlos klingt. „Dich brach der Tod, o edle Pflanze, Du standst in vollster Blüte kaum. Und unser Glück im schönsten Glanze — ein Blendwerk war's, ein schaal« Traum." So beginnt cs. Biele kleine Zeit- und Sterbegenossen des jungen Leontin sind, wie die Grabschriften erzählen, ebenfalls bitter beweint worden. Hochauf üb« alle Kindergräber ragt eine mächtige Gedächtnistafel, auf der wir ungefähr vierzig Namen verzeichnet finden. Ein Massengrab! Mit seinen hebräischen Schriftzeilen erinnert das hohe Denkmal an den entsetzlichen Sommer von 1832, da die asiatische Cholera zum zweiten Male im neunzehnten Jahrhundert in die schlesischen Lande drang und von Mitte Juli bis Mitte Oktober drittehalb Hundert Menschenopf« forderte, darunter den Oberbürgermeister Freiherr» von Kospoth. Die letzten Beerdigungen dort hinten sind, laut den Inschriften der Grabsteine, in der Mitte des verflossenen Jahrhunderts erfolgt.

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