Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 209 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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doch das Gotteshaus seit jeher die einzige Burg des Juden, in die er sich flüchten^ durfte. Und während ihres inbrünstigen Gebetes schlug der Straßenlärm an l$i| Ohr. Entsetzt ergiffen sie die Flucht. Sie stoben auseinander wie die Rehe. mntfü eine Kugel in ihre Mitte fällt. Im Nu wurde das Gotteshaus leer. Nur blieb zurück. Es war der Tempeldiener von Kifchinew. Irgend ein barmherziger Jude, der in der letzten Stunde an seinen Bruder nicht vergaß, kehrte um, um den Tempeldiener mit sich zu führen. Er dachte nämlich^ die Todesangst hätte dem armen Mann die Glieder gelähmt oder den Verstand geraubt. „Kommet mit,* sagte er, „eS ist keine Zeit, beeilt Euch um Gotteswillen Da schüttelte der Tempeldiener das Haupt und sprach: „Ich darf nicht von dannen" gehen, denn ich bin der Tempeldiener. Ich darf das Gotteshaus nicht allein lass« in der Rot." Der barmherzige Jude lief davon und erzählte draußen die Geschichte. Die.: Worte des Tempeldieners machten tiefen Eindruck. Man wollte ihn retten, auch mit eigener Lebensgefahr. Sie kamen und baten ihn, doch er härte sie-i „Ich kann," sagte er, und es schien ihm das unumstößlichste Argument, „die heilige»^ Bibelrollen nicht allein lassen» ich darf nicht außerhalb des Hauses sterben . . . ich darf die Thora nicht verraten . . ." Sie gingen und er blieb allein. Und er legte an den Tales und die Tefilin. Wenn es schon sein umM^ — und es mußte ja sein, denn er konnte die Thora nicht allein lassen — wollte^ er wie ein Jude sterben. Dann stellte er sich vor die heilige Lade- Der West zur Schändung der heiligen Rolle sollte nur über seinen Leichnam führen. Und die Mörder blieben nicht aus. Sie kamen wie ein Bergstrom herem» gestürzt mit wüstem Gejohle. Der Jude' aber stand vor der Bundeslade Md sagte; Widuj. Da überfielen sie ihn den Frechling, der sich unterfing sie zu erwart«^ und zerrissen ihn. Man erkannte ihn später nur an seinem TaleS. DaS ist die Tat des Tempeldieners von Kischinew. Sie ist meiner AchichtZ nach die größte unseres jungen Jahrhunderts. Dieses passive echt jüdische H«ld«MM übersteigt in seiner Größe jede mit noch so vielen Gefahren verbundene %uf(e$aR%’ gegen verbrecherischen Angriff. Man weiß, daß das Erwarten des TodeS viel schlimW» ist als der Tod. Das ist ja eines der Hauptargumente, welches die Gegner der' Todesstrafe ins Treffen führen. Maupassant läßt in wunderbarer Erkenntnis der menschlichen Schwäche einen seiner Helden einen Selbstmord begehen, weil ^er am nächsten Tage einen Zweikampf auszutragen hat, in dem er unterliegen fiMntev Der Mann konnte die Stunde nicht erwarten, in der die Möglichkeit des Sterbms durch fremde Hand für ihn eintretcn könnte. Denn diese kurze Zeitspanne ist «ch»? los in ihren Qualen, sie ist grenzenlos wie die Ewigkeit und richtet wohl die größtes Verwüstungen im menschlichen Empfindungsleben an. Und diese eines Sokrates^ würdige Tat brachte ein Jude zustande, einer vom Volke, ein Tempeldiener.