Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1903) · p. Seite 171

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1903)
Date
1903-07-01
Page
Seite 171 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969975-2969983--6994-2977665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Die Gerechten aller Völker haben Anteil an der künftigen Welt." 3) Der Talmud kennt keine ewige Verdammnis für diejenigen, die, in einem anderen Glauben ge- J boten, diesem Glauben ihre Treue bewahren und dessen Wahrheit im Lessing'schen -j Sinne durch ihr Leben zu bezeugen trachten. Der Grundgedanke in dem unsterb- J lichen Drama Lessing's erscheint so bereits im Talmud anticipiert. — E Meine Hochgeehrten! Der Talmud umfaßt den Zeitraum vom 2. vor- bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert. Man nenne mir irgend eine geistige Schöpfung aus diesem Zeitraum, und sei es die edelste selbst, die vollkommen frei wäre van H Elementen, die sich überlebt haben, frei von Bestandteilen, die zwar einst für Edelmetall galten, aber im Fortschritte der Zeiten zu Schlacken geworden? Selbst m der Bibel findet sich ja Manches, wofür, uns heute sicherlich ein anderer Ausdruck * passender erschiene. Denken wir nur an die zahlreichen Anthropormorphismen und Attthropopathismen in der Bezeichnung des Wesens und Willens der Gottheit. Sie J waren nötig, um der Fassungskraft der damaligen Menschen das Göttliche näher | zu bringen, und sie sind noch heute überall da nötig, wo diese Fassungskraft nicht fortgeschritten. Aber werden wir deshalb anstehen, die Bibel das herrlichste Buch | aller Zeiten zu nennen? Wir werden sie ewig so nennen müssen wegen des über- | wältigend Guten, Wahren und Schönen, das sie uns offenbart und das wir ohne J sie niemals erfahren hätten, wegen des ewig kostbaren Kernes, der durch alle Hülleu strahlt. Und wenn heute ein Buch erschiene, das alle Zeitgenossen vollkommen J befriedigte und zu unbedingter Anerkennung fortrisse — wir dürfen fest darauf i bauen: die Jahrhunderte werden nicht spurlos daran vorübergehen. Irgendwie Jj wird auch bei ihm eine Art Oxydierung hervortreten. Bücher sind eben wie die i Menschen; auch die besten haben ihre Mängel. Wie sie aus Vergänglichem und Ewigem bestehen, so auch die Schöpfungen des Geistes. Selbst die Offenbarungen ' des Göttlichen durch Menschen sind sie hindurch gegangen, haben Anschauungen | und Bedürfnissen des Augenblicks gerecht werden müssen, haben also gleichfalls dem | Zeitlichen ihren Tribut zollen müffen, um sich den Zugang zu allen Zeiten jjt J bahnen und zu sichern. Ihre Unsterblichkeit ist aber durch das ewig Wahre und / Wertvolle verbürgt, das sie enthalten. Es ist ihre Seele, die mit dem Leibe nicht zu Grunde geht. Daß aber auch dem Talmud solch unsterbliche Seele em- % wohnt; daß er nebst manchem Hinfälligen ewig Lehrreiches und Wahres enthält; I daß er daher mit Nichten Verachtung verdient, sondern auf Schätzung begründeten Anspruch hat und vor Allem studiert und gekannt sein muß,wenn man über ihn urteile» * will: das anzuerkennen ist, wie Sie aus meinen Ausführungen wohl ersehen haben i werden, eine einfache Forderung der Gerechtigkeit.' A t Ti ') Tofefta Sanhedrin 13.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.