Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 170 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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sollte auch mit dem geschilderten Geiste eine solche Bestialität zusammenbestehen können? Ob nicht gl^ich^wohl — werden Sie fragen — im Talmud sich auch Dinge finden, die uns lischt anmuten? Ich antworte mit der Gegenfrage, in welchen aus älteren Zeiten auf uns gekommenen selbst klassischesten Werken sich solche Dinge nicht finden?! Auch im Talmud begegnen wir gewissen den Babyloniern entlehnten abergläubisch dämouologischeu Anschauungen, wobei jedoch zu bemerken ist, daß es zu einer Teufelsidee nicht kommt. *) Der monotheistische Gedanke blieb jederzeit vollkommen ungetrübt. Ferner begegnen wir - im Talmud gewissen ästethischen Nqivetäten, die zwar an sich höchst unschuldig sind, ja gegen gewisse neuzeitliche krafikhäfte Prüderien vorteilhaft sich abheben, aber doch unserem modernen Geschmacke nicht zusagend- Endlich begegnen wir hin und nieder im Talmud einem traurigen Reflex der furchtbaren Mißhandlungen, welche die Juden von Seiten det l Römer und Neuperser zu erdulden hatten. Es ist ein Schandmal des Fanati^iyus nicht des Talmud, sondern derer, welche die Anbeter des einzigen Gottes zmst! ewigen Zielpunkte ihres Hohnes und ihrer Grausamkeiten gemacht. Musterbilder! für das Leben aber, Ideale für das sittliche Verhalten waren und blieben jene! edlen Charaktergestalten, von denen ich Ihnen einen kleinen Teil vorgeführt. Maßgebend für die Handlungsweise Jedermann, auch dem Heiden gegenüber waren Männer wie die Eingangs genannten Pinchas b. Jair, Simon ben Schetach, Abba Saul b. Botnit, ein Mann wie R. Joch. b. Sakkai, der sich rühmte, selbst dem Äövendiener stets mit dem Gruß zuvorgekommen zu sein. Höchste Norm für did Gesinnung war das von R. Josua gelehrte schöne Dogma: 0 Vgl. meine Abhandlung im Rahmer's „Jüdisches Literaturblatt" Jahrg. XXI No. 4—9. Die Teufelsidee und das Judentum. 2) In geradezu kindlicher Unbefangenheit spricht der Talmud von gewissen vitalen Dingen, über die den Schleier d§s Schweigens oder phrasenhafter Umschreibung zu breiten man heute bei weit geringerer Unschuld für allein schicklich hält. Darum aber ist in der Manier eines Rohling von „Zoten" im Thlrriud zu reden boshaft und falsch und nur Demjenigen möglich, der im Talmud tatsächlich e^n völlig Unwissender ist. Man denke nur an Stellen wie folgende: „Infolge der Versündigung durch gemeines (lascives) Gespräch, treten viele Leiden und harte Verhängnisse auf und die Jünglinge sterben und Waisen und Witwen schreien und finden kein Gehör, wie es heißt (Jesar 9, 16.) „Darum freut sich nicht der Ewige seiner Jünglinge und seiner Waisen und seiner Witwe erbarmt er sich nicht, denn Alles ist gleißnerisch und ruchlos und jeglicher Mund redet Schändliches." (Sabbath 33). Wer gemein redet, dem wird selbst das für 70 Jahre zum Guten besiegelte Geschick ins Gegenteil umgewandelt. — Wer gemeine Reden führt, dem wird die Hölle tief gemacht Rab Nochmann Sohn Jichak's sagte: auch dem, der sie anhört und dazu schweigt, d. h. schweigend billigt. (Das. u. Kethub. 8.) Wenn der Mensch etwas Ungeziemendes hört, so verschließe er mit seinen Fingern seine Ohren. Tanna Debe R. Jsmael lehrte: Warum ist das Ohrläppchen weich, während die Ohrmuschel hart, d. h. knorpelig ist? Damit, wenn der Mensch etwas Unwürdiges hört, er das Ohr mit dessen Läppchen verschließen könne. (Kethub. 5). Ähnlich Derech Erez 3. Jalkut Thillim 1. u. a. B. a. St. Ein hoher, heiliger Ernst, wie die Mitteilungen der Bibel, durchweht jeden einzelnen Ausspruch auch im Talmud und Midrasch.