Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 169 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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169 — seien noch nicht verzehntet." Und als ich dir endlich auch Hausrat verweigerte, da hieltest du mich gewiß für einen schlechten Menschen? „Nein, nein! Es kam mir vielmehr der Gedanke, du habest wohl deine ganze Habe durch ein Gelübde dem Heiligtum ge-, weiht." Bei Gott! rief der Gast, so war's. In der Erregung darüber, daß mein Sohn sich des Thorastudiums nicht befleißigen mochte, weihte ich meinen ganzen Besitz dem Heiligtum, wurde aber dann durch die Weisen des übereilten Gelöbnisses entbunden. Du aber mögest, wie du mich nach der günstigsten Seite gerichtet, von deinem Schöpfer mit gleicher Liebe gerichtet werden! Mit diesen Worten nahm er Abschied. (Sabb. 127.) Lassen Sie mich Ihnen, m. Hochg-, bevor auch ich von Ihnen Abschied nehme, noch von einem anderen Abschied berichten, der bezeichnend ist zugleich für ^den edlen sittlichen Ton, der, wie in allen ernsteren ethischen Beziehungen, so auch im freien geselligen Verkehr in der talmudischen Welt geherrscht. Auch das Materiellste sollte durchgeistigt werden, von einer ethischen Weihe umgeben sein. Darum lehrte schon die Mischna: Wenn sich Menschen zu einem Mahle zusammengesunden, und es ist kein höherer Gedankenaustausch unter ihnen, so ist's, als ob sie von Totenopfern genossen. So saßen einst Rab Nachmann und ' Rab Jizchak bei einem Mahle und würzten es durch mannigfach anregende edle Unterhaltung. Als es zum Scheiden kam, bat der Wirt seinen Gast, daß er ihn segne. Da erwiderte dieser: Ich will dir ein Gleichnis sagen: Einst ging ein ' Wanderer durch die Wüste. Er ward matt, hungrig und durstig. Da fand er; einen Baum mit süßen Früchten und kühlendem Schatten, und ein frischer Quell rieselte in seiner Nähe. Er aß von den Früchten, labte sich am Wasser und erfrischte sich am Schatten. Voll Tankgefühls erhob er sich dann und rief: O edler Baum! Wie soll ich dich segnen? Soll ich sagen, mögen deine Früchte süßsein? Sie sind süß. Dein Schatten sei erquickend? Er ist erquickend. Ein Wasserquell möge - in deiner Nähe rieseln? Auch der ist da. So bete ich: Alle Sprößlinge, die je dir $ entstammen, mögen sein wie du! So geht's mir auch mit dir. Soll ich dich segnen: Du mögest der Thora teilhaft sein? Du bist es. Du mögest reich sein? Du bist es. Du mögest an Kindern dich erfreuen? Auch mit ihnen hat dich Gott begnadet. So bete ich: Mögen alle deine Nachkommen dir gleich werden! (Taan. 5.) Meine Hochgeehrten! Ich bin am Ende meiner Darlegungen, doch keineswegs am Ende dessen, was ich Ihnen noch über den im Talmud wehenden wahrhaft großen - sittlichen Geist mitteilen könnte. Ich habe nur in das volle Leben hineingegrifsen das im - Talmud waltet, und Ihnen Einiges von den aufgespeicherten Schätzen gezeigt. Aber schon daraus, was ich Ihnen geboten, werden Sie ersehen haben, wie einseitig, wie frevel-' Haft die Urteile sind, die Bosheit und Unwissenheit über dieses gewaltige Werk zu fällen Jj nicht ermüden, wie Recht vollends der Straßburger Professor Nöldeke hatte, wenn er seiner Zeit vor dem Clever Gerichtshöfe die Behauptung, der Talmud kenne ein Menschenblntritual, als eine frivole Verleumdung und als ebenso unmöglich bezeichnet wie etwa die Behauptung, der Talmud wisse von Eisenbahnen. Wie