Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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153 V iw fr [ft h religiöse Empfinde» eines jeden Gebildeten berühren, gar keine oder doch nur sehr geringe Kenntnis hatte. Daraus ist es auch zu erklären, daß man aus mangelhafter Kenntnis der Sachlage den Vortrag von Prof. Delitzsch als eine große wissenschaftliche Tat ansah, auf die sie keineswegs Anspruch hat. Die gläubigen Kreise besonders fühlten sich durch den Standpunkt, Delitzsch's, der sich zu den Ergebnissen der modernen alttestamentlichen Forschung bekennt, unsanft aus ihrer Ruhe aufgerüttelt, zumal er das Entstehen der Bibel ans sehr verschiedenartigen Quellenschriften unumwunden zugibt und gewisse Abschnitte der Bibel, wie die Erzählungen von der Weltschöpfung, von der Sintflut und dem Paradiese als Mythen und Sagen auffaßt, denen der Charakter wirklicher Begebenheiten abzuerkennen ist. Diese allgemeine Erregung, die in der Kluft zwischen offizieller Lehre und Wissenschaft ihren Grund hat, wurde durch de» inzwischen veröffentlichten zweiten Vortrag von Prof. Delitzsch nur noch gesteigert, in welchem er den althergebrachten Offenbarungscharakter der Bibel und der israelitischen Religion in Frage stellte. Herr Prof. Gunkel tvill nun in seiner Schrift in aller Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit niemanden zuliebe und niemanden zuleide den Dingen näher gehen und möge hier einiges aus seinen lichtvollen Ausführungen folgen. Zunächst ist hervorzuheben, daß er die Entzifferung der Keilschriften als eine der glänzendsten Taten des menschlichen Geistes bezeichnet, durch die sich unsere Anschauung über den Orient verändert hat und durch welche sich die Geschichte unseres Volkes in zwei Jahrtausende ausgedehnt hat. Die Kultur der alteil Babylonier stammt von einem nichtsemitischen Volksstamme, den Sumerern, die dann von seinitischen Einwanderern übernommen und fortgeführt wurde. Wahrhaft überraschend wirkte die Auffindung des Gesetzbuches des babylonischen Königs Hammurabi aus dem Jahre 2250, welches uns komplizierte soziale Verhältnisse zeigt und Rechtszustände, die allerdings nicht weit zivilisierter sind, als die Israels im sogenannten mosaischen Rechte, wie Gunkel hervorhebt. Von großer Bedeutung ist auch der 1887 gemachte Fund von Tell-Amarua in Ägypten. Daselbst wurde das Archiv des Königs Amenophis X. ausgegraben, welches den Briefwechsel der Pharaonen mit den babylonischen, assyrischen, mesopotamischen, cyprischen Königen und mit ihren ägyptischen Vasallen in Kanaan enthält. Dieser in babylonischer Sprache geführte internationale Briefwechsel, aus welchem hervorgeht, daß dar Babylonische damals in ganz Vorderasien die Diplomatensprache gewesen, kommt aus der Zeit von 1500—1400, in der Kanaan, der Kultur nach, eine babylonische Provinz gewesen, in welche Israel noch nicht eingedrungen war. Jedoch haben die modernen Forscher im Rausche der ersten Begeisterung es übersehen, daß bei alldem Israel, Hellas und Rom trotz babylonischen Einflusses ihre charakteristische Eigenart haben und unleugbare Verdienste um unsere geistige Kultur. Daß Babylon die Kultur Israels beeinflußt hat, läßt sich nicht verneinen und kann in einzelnen.