Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1903)
- Date
- 1903-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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den „Strahlen Seines Wesens" (1. Harnack l. c.) getroffen zu werden. Diese die heutige Welt durchdringenden Strahlen, welche das Herz des zivilisierten Menschen erwärmen und dessen Seele erleuchten, um in der Betätigung und Förderung der Nächstenliebe die höchste Aufgabe der Kultur zu erblicken, waren eben erst über den Horizont aufgegangen und leuchteten in Folge dessen noch sehr schwach. Die in Finsternis und Schmach lebenden Menschen waren damals noch sehr ungebildet, jedem absurden Glauben und wüsten Aberglauben zugänglich und in Bezug auf Hartherzigkeit nur den Teufeln, auf sinnliche Ausschweifung, nur den Hunden zu vergleichen, nicht so gut und gesittet wie jetzt- Deswegen wird uns von den damaligen Schriftstellern auch nicht ein einziges Beispiel von so heroischer Gottesverehrung berichtet, wie wir es z B. jetzt in Rußland nach fast genau tausendjähriger Einwirkung oben genannter Strahlen an einem bestimmten Tage des Jahres tausendfach beobachten können, daß sich nämlich unzählige Gläubige für ihren Heiland ohne Zittern und Zagen der Gefahr einer Herzlähmnng oder Lungenentzündung aussetzen, indem sie in das Eis der zugefrorenen Flüsse ein Kreuz hauen und sich in dem grimmig kalten Wasser durch Untertauchen taufen lassen. In jenem „heiligen" Reiche sind, beiläufig bemerkt, ähnliche Beispiele von Aufopferung für die höchsten Ideale der Menschheit etwas so Alltägliches und gedeihen, dank der Glut' der schon mehrfach gekennzeichneten Strahlen, bei manchen Sekten, zu solcher Höhe der Selbstvernichtung (Kastration und Feuertod), daß es geradezu lächerlich erscheinen muß, wie sich heute der empfindsame Europäer darüber aufrezt, daß solche glaubenseifrigen Christen zu Ehren Gottes einem ungläubigen, von den Strahlen der Heilssonne nicht erreichten Juden die Beine absägen, einer Jüdin den Bauch aufschneiden und mit Federn vollstopfen und ein jüdisches Kind an den Beinchen packen und entzwei reißen. Wir sehen alsodurch diese Kontraste am besten, wie traurig es um die heidnische Welt bestellt gewesen sein muß. vorder Mensch war nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht und kümmerte sich nicht um seinen Nächsten, am allerwenigsten aber kümmerte man sich um den wahren, reinen Gottesglauben und die ethischen Aufgaben der Menschheit. Zeus konnte soviel Bastarde zeugen, als ihm. gut schien und konnte sich verwandeln in das, was ihm am besten paßte, in eine Wolke, in einen Schwan, in einen Goldregen oder in ein Stück Brot. Unter den Menschen galt das Recht der Stärksten und Frechsten, oder das der überwiegenden Majorität. Die Wissenschaft, das enfant gate des Christentums, lag damals nochin den Windeln, darum kannte mau auch keine historische Kritik und kein penibles Rechtsverfahren. Wenn daher irgend ein altes Waschweib behauptete, sie hätte gesehen, wie die Christen, damals für eine jüdische Sekte gehalten, sich in einem unterirdischen Raum versammelten, um ihren leibhaftigen Gott in der Gestalt eines frisch geschlachteten Kindes zu verzehren, dann genügte das einem Nero, um hunderte dieser harmlosen Menschen den wilden Bestien in der Arena vorwerfen zu lassen.