Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Tochter voran, und er gibt ihnen seinen Geldvorrat bis auf einen Sus, für den er dann ein Maß Weizen erstand. Dieses Maß Weizen bringt er heim und tut es in die Kammer. „Was hat dir der Vater mitgebracht?" fragt die Mutter ihre Tochter. Er hat es in die Kammer getan. Wie sie nun beide in die Kammer gehen, gewahren sie ein Wunder: der ganze Raum war mit Weizen gefüllt. Und wie nun Eleasar vom Lehrhause heimkommt, begrübt ihn die Gattin mit den Worten: Sieh', was dein Schöpfer dir beschieden! Bei Gott! bedeutet ihr der Gatte, auch dies sei dem Heiligtum geweiht. (Taan. 24.) Die sagenhafte Zutat in diesen und ähnlichen Erzählungen liegt ja, m. Hochg., auf der- Hand; aber das hohe Ideal, das dem Volke von Menschenliebe und Wohltätigkeit vorgeschwebt, leuchtet doch unverkennbar daraus hervor. „Sei genau für dich selbst, aber desto freigebiger für Zwecke" des Wohltuns — ist die Moral folgender Erzählung: Zwei Almosensammler kamen in das Haus eines Reichen. Da hörten sie folgendes Zwiegespräch zwischen dem Vater und dem Kinde: Das Kind; „Was soll für die heutige Mahlzeit gekauft werden?" Vater: „Gemüse, aber nicht von dem heute gepflückten, sondern von dem, das schon gestern gepflückt worden, weil das wohlfeiler ist." Wie die Sammler dies hörten, gingen sie fort, ohne erst ihre Bitte vorzubringen. Nachdem sie aber bei Allen gewesen waren, kamen sie zuletzt doch noch einmal zu jenem Reichen. „Warum diesmal so spät?" redete er sie an. Da erzählten sie ihm von jenem Zwiegespräch. Ihr habet mich falsch beurteilt, sagte er ihnen, ihr habet daraus nur entnehmen können, daß in meinem Hause hinsichtlich materieller Bedürfnisse Anspruchslosigkeit herrscht und daß ich in diesem Geiste mein Kind erziehen mag, nicht aber wäret ihr berechtigt daraus auf die Größe des Maßstabs zu schließen, den ich anlege, wenn es gilt, die Gott gebotenen Opfer zu bringen zur Linderung von Menschenleid. Gehet nur zu meiner Frau und saget ihr in meinem Namen, daß sie euch ein Maß voll Golddenare gebe. — „Hat euch mein Mann ein gehäuftes oder ein gestrichenes Maß gesagt?" fragte sie die Frau. Und als sie es ihr nicht bestimmt zu sagen wußten, da sprach sie: „Ich gebe euch ein gehäuftes; denn hat es mein Mann so gewollt, so ist's ja gut, wo nicht, so werde ich das Mehr von meinem Heiratsgut abziehen lassen." Als nun der Mann von dem Edelsinn seiner Frau erfuhr, verdoppelte er ihr das Heiratsgut. Äußerst charakteristisch war die Art, wie man schon den Kleinen die erhabene Tugend der Wohltätigkeit einzuprägen suchte. Wenn die Kinder das Alphabet bereits kannten, wurde ihnen Name, Reihenfolge unb Gestalt der einzelnen Buchstaben in folgender Weise erläutert. Alef-Beth, das bedeute Alef Bina, „lerne Weisheit", Gimel-Daleth, das bedeute ,?g$mol „sei wohltätig gegen die Armen." Und warum streckt sich der Fuß des Gimel zum Daleth hin? Weil es die Weise der Edlen sei, die Armen anfzusuchen. Und warum neigt sich der Fuß des Daleth zum Gimel zurück? Der lehrt, daß sich der Arme seinen Gönner nicht zu