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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-06-01 · Heft 6 (1.6.1903) · p. Seite 135

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 6 (1.6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 135 (sequence 18)
Language
German
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135 gesetze in ihrer vollen Stärke und unbegrenzten Macht herrschen, da in der Natur kein Erbarmen vorhanden ist. Aber im Menschen ist diese Herrschaft durch die menschliche Erkenntnis, welche auch nach Naturgesetzen sich vollzieht, beschränkt. Allein diese inneren Gesetze kämpfen mit den äußeren Naturgesetzen und dieser Kampf eben ist es, welcher die Existenz der jüdischen Moral, die auch die Schwachen leben ließ und der „Kampf Aller gegen Alle" schwächte, bejaht. So schwächt die moralische Erkenntnis auch die Wirkung des Naturgesetzes des „Kampfes ums Dasein, und der „natürlichen Zuchtwahl." Die Natur kennt gar keine Ethik; aber der Mensch schuf eine derartige Lebensphilojopbie. Darwin der Naturforscher beschäftigte sich nicht mit der Morallehre; sein Anhänger, Spencer, der Philosoph und Soziolog, war genötigt, sich mit ihr zu befassen So hat die Darwinische Weltanschauung eine neue Form, welche jedenfalls im gewöhnlichen Sinne nicht unmoralisch ist, angeuommen. Sie lehrt die gute Tat und sorgt für das Glück aller künftigen menschlichen Gesellschaften, insbesondere für die Verbesserung der Lage der leidenden und zurückgesetzteu Menschenklassen. Die Moral der Propheten, welche für die Schwachen gegen die Starken kämpfte, gibt sich hier in ihrer ganzen Stärke kund. Hätte nicht der Darwinismus diese Änderung angenommen, würde er nicht als geschlossene Weltanschauung bestehen können; denn er hätte sich selbst zerstört, ebenso wie das Nietzsche'anische System sich immerfort mehr zerstört, weil ihm die jüdisch-moralische Basis, die Moral des Judentums, welche durch historische Notwendigkeit zu einem großen gesellschaftlichen Faktor wurde, fehlt. Da ihm eine derartige Basis fehlt, kann es nicht ein großes gesellschastliches-historisches Faktum, auf welches die Nietzscheaner wie auf etwa? Zufälliges schauen, umfassen. Nietzsche spricht über die „Fabrikation" der Prophetenmoral durch die Knecht und Schwachen und will nicht ihre natürliche Entwicklung und notwendige Annahme anerkennen; während gleichzeitig sein „Übermensch" die Frucht der natürlichen Entwickelung und Vervollkommnung ist. So stiehlt sich in sein System ein innerer Widerspruch ein, der seine Vollkommenheit als umfassende Weltanschauung unmöglich macht. Darum sehen wir auch, daß im Leben Nietzsche der Gegensatz seines Systems war, denn er war voll Erbarmen, Leutseligkeit und der übrigen „Knechteigenschaften", auch gut und wohltätig all seinen Bekannten gegenüber. Also erklären sich auch die vielen Widersprüche in seinen Büchern: seine gegnerische Stellung zu den Propheten und gleichzeitige Liebe zu den heiligen Schriften; die Erlaubnis List als Mittel zur Erreichung der Herzeusgelüfte anzuwenden und die vom Übermenschen gleichzeitig geforderte Vornehmheit u. s. w. Die Weltanschauung soll, wie bereits erwähnt, alle Lebenserscheinungen erklären und die verschiedenen Gedanken über die Welt und den Menschen zu einander in Übereinstimmung bringen. Jedes reale Faktum soll in ihr seine entsprechende Erklärung sinden und bleibt es unsere Pflicht, unsere Forderung nach Veränderungen und Verbesserungen im Denken und

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