Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1903)
- Date
- 1903-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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— 133 — Intellektuelle Wervollkommnung und moratische Erkenntnis. Von Josef Klausner. Aus dem Hebräischen übersepl von L. Meisels. (Fortsetzung.' Jedoch könnte man fragen: was, wenn die geschlossene Weltanschauung in den Weltfragen materialistisch und in den soziologischen Fragen utilitaristisch (vom Nützlichkeitsprinzipe ausgehend) wäre'? Ich glaube, daß auch der, welcher weit entfernt ist, eines dieser Systeme anzunehmen, einsehen wird, daß, wenn sie zu einer geschlossenen und harmonischen Weltanschauung würden, sie den Menschen zu m o r a l i s ch e n H a n d l u n g e n bringen könnten. Die Materialisten stellen die Behauptung auf, daß alles Seiende eine auf viele und verschiedene Arten zusammengesetzte, nach festen, in ihrer Natur liegenden Gesetzen sich verändernde Materie ist. Der Mensch und der Kosmos sind also zwei verschiedenartige Maschinen, deren Elemente dieselben, die Zusammensetzung derselben jedoch verschieden ist. Wenn wir annehmen, daß dem wirklich so ist, so hat die Entwicklung der Maschine, welche wir „Mensch" nennen, ihn zur Erkenntnis von Gut und Böse für sich und andere gebracht. Das ist eine feststehende Tatsache und solange diese Tatsache sich nicht verändert, wird die Moral aus der Welt nicht verschwinden. Die Utilitaristen gebieten dem Menschen, daß er die Moralgesetze aus dem Grunde: was dir unlieb ist,'tue deinem Nächsten nicht, — befolgen soll. Ob dieses moralische Grundgesetz spekulativ richtig ist oder nicht, — wenn es nur einer innern Erkenntnis, dem Resultat, einer in allen ihren Teilen harmonischen Weltanschauung, welche dank der Vertiefung in die Natur der weltlichen und seelischen. Erscheinungen entstanden ist, entstammt, haben wir kein Recht mehr demselben seitens der Moral gegenüberzusteheu Wir können gegen ein derartiges moralisches Grundgesetz seitens seiner logischen und wissenschaftlichen Wahrheit kämpfen; aber wir haben nicht das Recht, etwas unmoralisch zu nennen, was einer innern Erkenntnis entspringt, d. h. keine einzige Idee, welche nicht blos die Frucht der verblendenden und bestehenden Eigenliebe ist. Der Sünder aus Erkenntnis und nicht aus Eigenliebe ist kein Sünder; denn sonst, welches moralische Kriterium könnten wir für die Taten der Menschen finden? Woher wissen wir, daß unsere Erkenntnis die richtige ist? Wenn ich einen Götzenanbeter sehen würde, der sich auf dem Altäre seiner heidnischen, in meinen Augen verdorbenen und irrigen Ideen zum Opfer bringt, würde ich — wenn er sich auch meiner Auffassung nach, einer großen Dummheit, und eines verdorbenen Gedankens wegen opferte — vor